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Nachrichten zur Übersicht Was (und wer) ist HIV-NET ? (1) Ein Interview von Monika Gröne (Erlangen), veröffentlicht im Retrovirus-Bulletin 2/2007 (August 2007)
Lieber Herr Kamps. Wir freuen uns sehr, dass das HIV-Lehrbuch auf der Internetseite
www.hiv.net jedes Jahr
überarbeitet und interessierten Lesern kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Wir
würden Ihnen gerne einige Fragen stellen, damit die Leser des Retrovirus-Bulletin mehr
über die Hintergründe von HIV.NET erfahren. Wer waren die Gründerväter dieser Publikation? Die allererste Auflage "AIDS 1991"
ist 1990 in der Frankfurter Infektiologie
entstanden. Ich habe das Buch zwar allein veröffentlicht, aber nicht allein geschrieben. Hinter
den Kulissen war ein "Strippenzieher", der als Autor nicht erscheinen wollte, aber mit
seiner Erfahrung den klinischen Teil des Buches "wasserdicht" gemacht hat. Später,
von 1994 bis 2000, habe ich AIDS 1994 ff mit
Hans-Reinhard Brodt und Gründermutter Eilke
Brigitte Helm herausgegeben. Seit wann sind Sie online? Seit dem 16. März 1996. Auf dem Cover von "AIDS 1996" stand: "6. Auflage,
mit Internet-Supplement: http://www.hiv.net." - damals für die meisten Mediziner
böhmische Dörfer. Zwei Monate später habe ich AIDS 1996 kostenlos auf unsere
Internet-Seite gestellt. Was hat HIV.NET mit dem Literaturservice AMEDO zu tun? Amedeo war ein
"Abfallprodukt" meiner Arbeit an HIV.NET. Schon 1990 habe ich eine
kleine Software entwickelt, die die Literatur zu HIV auf Knopfdruck aus einem Frankfurter
Bibliotheks-Rechner herausfischte und in fertige Zitate umwandelte. Das ist hilfreich, wenn man
Bücher schreibt. Im August 1997 entdecke ich plötzlich, wie man diese Informationen auch
aus dem Internet "herauslutschen", zerschneiden und zu einem formatierten Zitat neu
zusammenbauen kann. Schnell entstand die Idee, die aktuelle HIV-Literatur einmal pro Woche in
HIV.NET anzubieten. Später hat mein Bruder Stephan den Service so verfeinert, dass jeder
Abonnent Art und Umfang der wöchentlichen Informationen durch die Auswahl seiner
Lieblingszeitschriften selbst bestimmen kann. Wie haben Sie den Verteiler für HIV.NET-Nachrichten aufgebaut? Wie erweitern sie die
Mailing Liste? Man baut eine Internet-Seite, auf der Interessenten sich eintragen können, und wartet
darauf, dass jemand kommt. Wie würden Sie Ihre eigene berufliche Laufbahn beschreiben? Das hängt von der Brille ab, die sie aufsetzen. Durch die Schwiegermutter-Brille sieht
sie desorganisiert aus: 1981, nach dem Medizin-Studium, für
fünf Jahre nach Sardinien,
Produktion von Sprachlehrbüchern ("Französisch,
Italienisch, Spanisch und Sardisch
für Mollis & Muslis") und manisches Computer-Programmieren; 1986 Rückkehr nach
Deutschland und Arbeit in Bonn, Frankfurt und Köln; 1994 wieder Sardinien und jahrelanges
Internet-Programmieren; 1999 weiter nach Paris... Schwiegermütter haben's gern solider. In
meiner eigenen Brille sehe ich natürlich den roten Faden der 25 Jahre: Wissen vermitteln,
Wissen billig machen, Wissen kostenlos verteilen. Denn: Wer lernen will, dem soll geholfen werden.
Und vor allem: Nie aufhören, selbst zu lernen. Wie würden sie sich selber beschreiben? Kosmopolit und überzeugter Europäer. Ich gehe nicht mit dem Kopf durch die Wand.
Widrigkeiten umschiffen, keine unnötigen Reibungsverluste. Sich treiben lassen, aber Augen weit
aufhalten. Und wenn am Ufer etwas Interessantes steht, zupacken und mitnehmen. Was war der Höhepunkt ihrer bisherigen Laufbahn? Es waren zwei: In den 80er Jahren die Publikation der Sprachlehrbücher, von denen wir
40.000 Exemplare verkauften, ohne jede Werbung, nur dank Mundpropaganda. Und später
natürlich der internationale Erfolg von Amedeo. Ich hoffe
nur, dass es das noch nicht war. Die
Krönung meiner Laufbahn könnte Amedeo
Challenge werden, aber das wissen wir erst in 10
Jahren. Was ist Amedeo Challenge? Amedeo Challenge funktioniert so: Sie legen einen Betrag zwischen 10.000 und 20.000 Euro auf
den Tisch und verkünden: "Das ist für die, die ein Tuberkulose-Lehrbuch schreiben und
kostenlos ins Internet stellen." Meine Frau und ich haben letztes Jahr 12.500 Euro für ein
solches Projekt ausgeschrieben, und ein Team von 40 Autoren aus 12 Ländern hat gerade
TuberculosisTextbook.com veröffentlicht. Wenn
700 Seiten 50 Euro wert sind und das Buch 50.000
Mal aus dem Internet geladen wird, haben Sie eine virtuelle Ersparnis von 2.5 Millionen Euro. Unser
Geld ist gut investiert. Wann und warum haben Sie Deutschland verlassen und arbeiten jetzt von Paris und Sardinien
aus? Ich meine Frau Patricia 1971 in Frankreich
kennengelernt, da kommt man schnell auf den
Gedanken, dass die Tatsache, in einem Land geboren zu werden, kein hinreichender Grund ist, dort das
ganze Leben zu verbringen. 1992 hat es dann ein unangenehmes Ereignis gegeben: Patricia flaniert an
einem Samstagmittag mit einer sardischen Freundin über die belebte Schweizer Straße in
Frankfurt und wird von zwei gut gekleideten hirnlosen jungen Männern ohne Anlass - es war
eindeutig ein rassistischer Übergriff - mit einem Messer bedroht, Messerspitze auf Bauchhaut.
Keiner der Passanten reagiert. Eine Woche später habe ich in Rom die Anmeldung bei der
Ärztekammer beantragt, und 1994 sind wir nach Sardinien gezogen. Aber Insel
heißt auf
Italienisch "isola", man ist aus der Welt. 1999 haben wir daher unser Leben neu justiert
zwischen Isolation und Metropole. Warum Paris? C'est la plus belle ville de l'univers! Welche Rolle spielen die verschiedenen Herausgeber von HIV.NET? Christian Hoffmann ist nicht nur einer der
Herausgeber, sondern auch der Haupt-Autor von
HIV.NET 2007 mit 350 eigenen Seiten. Deshalb heißt das HIV.NET-Buch ja "der
Hoffmann". Bei allen weiteren Kapiteln nehmen wir beide uns jeden einzelnen Satz an die Brust
und ziehen und drehen, bis er sitzt - das Buch soll stilistisch schließlich aus einem Guss
sein. Jürgen Rockstroh ist der "Final
Reviewer". Wie gelang es Ihnen, Herrn Hoffmann als Chefredakteur zu gewinnen? Mit einem Telefonat am Abend des 22. November 2000. Wir kannten uns seit Jahren, Christian
hatte schon einige Artikel für HIV.NET geschrieben. Wie kommen Sie an neue Autoren? Gar nicht. Das Boot ist voll, und die Autoren sind jung. Und was für Autoren! Normalen
Verlegern kämen die Tränen in die Augen, wenn sie wüssten, dass unsere Autoren ihre
Kapitel plus/minus zwei Wochen um die Deadline herum abliefern. Verlässlichkeit und
Präzision sind ja auch die Stärken des
HIV.NET-Teams. Aber Sie haben Recht, in 10 Jahren
müssen wir den Generationswechsel planen. Wie halten Sie Kontakt zu den Autoren? Per Email und gelegentlich per Telefon. Zweimal hatten wir ein Autorentreffen auf Sardinien -
ein unvergessliches Erlebnis mit adäquaten Mengen Rotwein und exzellentem Essen: warme
Schafsmilch zum Frühstück, Hirtenbrot, Ziegenkäse, Leber vom Schwein, Herz vom Schaf.
Vor allem an den Brotaufschnitt aus Schafsblut und Pecorino werden sich die Teilnehmer lange
erinnern. Wie wird die Aktualisierung des Lehrbuches organisiert? Die Autoren überarbeiten ihre Kapitel, Christian Hoffmann und ich kontrollieren die
Änderungen, und offene Fragen werden mit den Autoren diskutiert. Dabei können Kapitel
mehrmals hin und her wandern, denn alle Autoren sind ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet und
haben langjährige HIV-Erfahrung - da wird auch um Details gerungen. Am Ende geht Jürgen
Rockstroh noch einmal über die Kapitel, und dann geht's so schnell wie möglich als
Vorveröffentlichung ins Internet unter www.hiv.net, meist lange bevor das Buch gedruckt wird.
Welches Feedback bekommen Sie von den Lesern? Wie denken Ärzte, wie Patienten über
das Projekt? Wir bekommen viel positives Feedback von Lesern, und die Anregungen helfen uns, das Buch von
Jahr zu Jahr zu verbessern. Die Hinweise kommen sowohl von Ärzten, an die das Buch ja
eigentlich gerichtet ist, als auch von Patienten. Patienten haben sehr oft Fragen zu ihrer eigenen
Situation. Meist verweisen wir sie an die behandelnden Ärzte, gelegentlich vermitteln wir aber
auch Adressen von Schwerpunktärzten. Gabe es schon mal das Problem, dass Nachrichten richtig gestellt werden mussten? Wie sind sie
damit umgegangen? Nein. Das ist Gott sei Dank nicht vorgekommen. Als Italiener würde ich jetzt sagen:
Tocchiamoci le palle! Wie finanzieren Sie das Projekt? Das Buch wird finanziert, wie man Bücher eben finanziert: Über deren Verkauf.
Zusätzlich nimmt HIV.NET Geld über Logo-Einträge auf der Homepage ein. Welche anderen Internet-Projekte betreuen Sie noch? Außer Amedeo mit seinen 130,000 Abonnenten habe ich
noch kleinere Webseiten wie Free
Medical Journals und FreeBooks4Doctors. Und
natürlich Buchprojekte wie den Influenza Report,
den wir letztes Jahr in einer 11er-Gruppe geschrieben haben. Solange das Grippe-Virus
stillhält, belassen wir es dabei; bricht eine Grippe-Pandemie aus, können wir das Buch in
4 Wochen aktualisieren. Was sind Ihre weiteren Pläne für die Zukunft? Ich bin 53 und hoffe, dass ich noch 25 Jahre arbeiten kann. Lesen, lernen, schreiben,
organisieren - das kann nicht schwieriger sein als den Erdboden aufzuhacken im Olivenhain. In
Sardinien machen das die Bauern mit 80. Im Augenblick scheint es so, als würde Amedeo Challenge
mein nächster Spielplatz. Das erste Buch über Tuberkulose ist
veröffentlicht, das zweite Buch steht auf der Startrampe: Eine Antibiotika-Fibel, für die
Pfizer einen Preis von 25,000 Euro ausgeschrieben hat. Deadline ist der 31. August. Jedes Buch wird
mich Wochen beschäftigen, außerdem muss ich Geld für weitere Bücher sammeln.
Meine Frau und ich werden aus privaten Mitteln zwar noch Preise in einem Gesamtwert von 100.000 Euro
ausschreiben, aber das reicht nicht. Wenn wir die wichtigsten 100 medizinischen Themen durch
kostenlose Internet-Lehrbücher abdecken wollen, brauchen wir mindestens 1 Million Euro. Pfizer
hat vorgemacht, was möglich ist, andere Firmen werden folgen, doch auch private Spenden
müssen her. Die Million zusammenzutrommeln wird mich also eine Zeitlang beschäftigen.
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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