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Nachrichten zur Übersicht
Hamburg, 15.01.2008 - Die Integrase ist neben der Reversen Transkriptase und der
Protease eines der drei Schlüsselenzyme im Vermehrungszyklus von HIV. Dieses Enzym ist bei der
Integration der viralen DNA in die Wirts-DNA im Zellkern beteiligt und für die Vermehrung von
HIV essentiell (sehr gutes Review: Lataillade
2006). Am 21. Dezember 2007 wurde mit Raltegravir (Handelsname
Isentress®) der erste Integrase-Hemmer für die Behandlung der HIV-Infektion in
Europa zugelassen. Bereits im Oktober hatte die amerikanische FDA der Herstellerfirma Merck Sharp
& Dohme (MSD) grünes Licht gegeben. Wie bei vielen neuen HIV-Medikamenten gilt die
Indikation auch bei Raltegravir (frühere Bezeichnung MK 05-18) nicht uneingeschränkt
für alle HIV-Patienten - sondern nur für "vorbehandelte, erwachsene Patienten mit
nachgewiesener HIV-Replikation trotz antiretroviraler Therapie". Dennoch ist die Einführung Raltegravirs schon jetzt ein Meilenstein und eine
echte Bereicherung für die HIV-Therapie - nach Nukleosidanaloga, NNRTIs, Proteasehemmern, dem
Fusionshemmer T-20 und dem CCR5-Antagonisten Maraviroc sind die Integrasehemmer nunmehr die sechste
zugelassene antiretrovirale Wirkstoffklasse, mit der HIV-infizierte Patienten behandelt werden
können. Im Folgenden wird die aktuelle Datenlage zu der Substanz kurz zusammengefasst. Raltegravir ist ein Naphtyridincarboxamid und ein so genannter
Strangtransfer-Inhibitor - er hemmt die Integrase bei ihrer Aufgabe, das Andocken und die
irreversible Bindung der Hydroxylenden der viralen DNA an die Phosphodiesterbrücken der
Wirts-DNA zu vermitteln (Hazuda 2000). Raltegravir hat dabei eine breite Wirkung gegen R5- und
X4-trope HIV-1-Stämme, sogar HIV-2 wird supprimiert. Unter einer Monotherapie mit Raltegravir
sank die Viruslast nach 10 Tagen um 1,7-2,2 Logstufen (Markowitz 2006). Die Daten von 005, einer im
April letzten Jahres im Lancet veröffentlichten Phase-II-Studie waren noch beeindruckender
(Grinsztejn 2007): 179 Patienten mit langer Vortherapie (im Median 10 Jahre, ca. 30 % waren ohne
eine andere aktive Substanz im Resistenztest) erhielten verschiedene Dosen Raltegravir oder Plazebo.
Nach 24 Wochen war die Viruslast in den Raltegravir-Armen um 1.80-1.87 Logstufen gefallen, bei nur
0.35 Logstufen im Plazeboarm. Nach 48 Wochen hatten 64 % der Patienten eine Viruslast unterhalb 50
Kopien/ml, verglichen mit nur 9 % im Plazeboarm - für derart intensiv vortherapierte Patienten
ein außergewöhnliches Ergebnis (Grinsztejn 2007). Bestätigt wurden diese Daten durch BENCHMRK-1 und -2, zwei große Phase
III-Studien, die letztlich auch zur Zulassung von Raltegravir führten. In diesen beiden
identischen Studien erhielten insgesamt 699 intensiv vorbehandelte Patienten mit
Dreiklassen-Resistenz entweder 2 x 400 mg Raltegravir täglich oder Plazebo zu einer optimierten
Therapie (Cooper 2007, Steigbigl 2007). Nach 16 Wochen hatten 79 % (versus 43 %) eine Viruslast
unter 400 Kopien/ml erreicht. Selbst unter jenen Patienten, in denen nach dem genotypischem
Resistenztest zu Beginn keine einzige aktive Substanz mehr vorhanden war, lag die Rate bei
beachtlichen 57 % (versus 10 %). Die Verträglichkeit war in diesen Studien zudem sehr gut und
mit dem Plazeboarm vergleichbar. Bislang sind keine für Raltegravir spezifischen Nebenwirkungen
bekannt geworden. Ein anfänglich befürchtetes erhöhtes Tumorrisiko unter Raltegravir
scheint nach einer im Juli 2007 veröffentlichten Analyse sämtlicher Studien nicht zu
bestehen. Auch an therapienaiven Patienten wurde Raltegravir bereits mit Erfolg getestet.
In einer doppelblind randomisierten Phase-II-Studie erhielten 197 zuvor unbehandelte Patienten bei
einem Backbone aus Tenofovir+FTC entweder Efavirenz oder verschiedene Dosen Raltegravir (Markowitz
2007). Die Geschwindigkeit des Viruslast-Abfalls war in den Raltegravir-Armen in den ersten Wochen
überraschenderweise höher als unter Efavirenz, was zu zahlreichen Spekulationen Anlass gab
(Murray 2007). Nach 24 Wochen war die Zahl der Patienten mit einer Viruslast unter 50 Kopien/ml in
allen Armen mindestens genauso hoch wie unter Efavirenz. Die Verträglichkeit von Raltegravir
war auch in dieser Studie exzellent, ZNS-Störungen oder Dyslipidämien wurden weniger
beobachtet als unter Efavirenz (Markowitz 2007). Für die weitere Zukunft könnte somit,
sofern sich diese Daten bestätigen, die Indikation für Raltegravir erweitert werden. Was ist bislang zur Resistenzentwicklung bekannt? Es scheint wenigstens zwei
genetische Resistenzpfade zu geben, entweder über die Mutation N155H oder über die
Mutation Q148K/R/H, die beide im katalytischen Kern der Integrase lokalisiert sind (Grinsztejn
2007). Die Resistenzen scheinen bei einer sonst unwirksamen Background-Therapie relativ schnell
aufzutreten - in der oben beschriebenen 005-Studie entwickelten 38 von 133 (29 %) Patienten ein
virologisches Versagen unter Raltegravir - bei immerhin 34 Patienten wurde nach nur 24 Wochen
entweder die N155H Mutation oder eine Q148H/R/K Mutation beobachtet. Die Resistenzbarriere scheint
also nicht hoch zu sein. Wahrscheinlich gibt es außerdem - ähnlich wie bei den NNRTIs -
Kreuzresistenzen unter den Integrasehemmern. Was nach in vitro Daten schon befürchtet worden
war, scheint sich durch erste klinische Daten zu dem Gilead-Integrasehemmer Elvitegravir zu
bestätigen (DeJesus 2007). Ebenfalls noch relativ limitiert sind die Daten zu Interaktionen. Allerdings ist
Raltegravir offensichtlich weder ein Induktor noch ein Inhibitor des Cytochrom 450 Enzymsystems -
klinisch relevante Interaktionen mit anderen antiretroviralen Substanzen scheinen eher
unwahrscheinlich zu sein (Iwamoto 2007). Bei gleichzeitiger Einnahme von Rifampicin sinken
allerdings die Spiegel, so dass diese Kombination eher vermieden werden sollte. Die empfohlene Dosis von Isentress® beträgt zweimal
täglich 1 Tablette zu 400 mg (Flaschen enthalten jeweils 60 Tabletten), unabhängig von der
Nahrungsaufnahme. Bei Niereninsuffizienz ist keine Dosisanpassung notwendig. Für Schwangere und
Kinder liegen bislang keine Daten vor. Der Preis pro Monatspackung liegt nach Lauertaxe bei 1062
Euro und damit nur unwesentlich niedriger als für die kürzlich zugelassene
Dreifachtherapie mit Atripla® (1212 Euro). Zusammenfassend ist Raltegravir für viele Patienten mit multiresistenten
Viren eine echte Hoffnung, die HIV-Infektion wieder kontrollieren zu können - ein
"austherapiert" gibt es nicht mehr. Allerdings sollte man Raltegravir genauso
überlegt und immer in Kombination einsetzen wie andere Medikamente - eine Resistenzgefahr
besteht auch hier. Literatur
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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