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Hamburg / München, 5. November 2004
"Kein anderer Bereich verzeichnet derzeit so große Fortschritte wie die
AIDS-Therapie-Forschung. Von einer Impfung sind wir weit entfernt, wenngleich sie theoretisch
möglich erscheint."
Diese Sätze, die ohne weiteres dem aktuellen Vorwort der diesjährigen
Münchner-AIDS-Tage entstammen könnten, sind alt. Älter als man glaubt: Nachzulesen
sind sie im Programmheft der 1. Münchner AIDS-Tage, die vor fast 15 Jahren, im Januar 1990,
stattfanden. Aus heutiger Sicht verströmen diese Sätze reichlich Zweckoptimismus.
Angesichts der inzwischen 10. Münchner AIDS-Tage aber darf nun ein kurzer Blick zurück
gestattet sein: Was hat sich seitdem getan, was ist inzwischen alles möglich geworden? So vieles. Wo gestern außer AZT fast nichts war, findet sich heute eine
breite Palette unterschiedlichster antiretroviraler Wirkstoffklassen und Substanzen. Wo gestern noch
in mehrstündigen Symposien über die Vorzüge einer (heute fast vergessenen) Behandlung
mit Pentamidin referiert wurde, genügt heute ein Seminar, dass die wichtigsten
AIDS-Erkrankungen kurz und knapp beleuchtet. Wo gestern noch vorsichtig über die ersten
Versuche der CD4-Zellmessung berichtet wurde, gibt es heute eine verfeinerte Diagnostik mit
Viruslast und Lymphozytensubpopulationen als unverzichtbare Basisuntersuchungen, mit diversen
Resistenztests mitsamt ihren komplexen Interpretationssystemen, oder auch mit therapeutischem
Drug-Monitoring für immer mehr Substanzen. Und es wird weiter gehen. Schon bald werden wir
vermutlich routinemäßig HLA- und Korezeptor-Status bestimmen, mitochondriale
Toxizität und antigenspezifische Immunantworten besser untersuchen können. Neben der Diagnostik ist es aber natürlich vor allem der therapeutische
Fortschritt, der die HIV-Medizin in den letzten 15 Jahren verändert hat. Viele neue wertvolle
Substanzen sind gerade erst in den letzten Jahren dazu gekommen, und die Pipeline tröpfelt
weiter, kontinuierlich. Das Zeitalter der Entry-Inhibitoren ist angebrochen. Noch ist die
Pioniersubstanz T-20 die einzige Option aus dieser Wirkstoffklasse, aber die CCR5-Antagonisten
stehen schon vor der Tür. Der Wettstreit der beteiligten Firmen ähnelt dabei fast schon
dem der Jahre 1995, als Ritonavir, Saquinavir und Indinavir um den Status kämpften, als erster
PI auf den Markt zu kommen. Doch das Spektrum der therapeutischen Möglichkeiten ist schon jetzt
breiter geworden als noch vor fünf Jahren. Aber eben auch unübersichtlicher. Man kann als
HIV-Behandler heute viel falsch machen, vielleicht noch mehr als früher. Gerade im letzten Jahr
stellte sich heraus, dass einige Kombinationstherapien doch nicht so wirksam sind wie andere. Bei
einigen Substanzen stellt sich dagegen immer mehr heraus, dass sie auf Dauer doch toxischer sind als
andere. Ihre Absätze brechen dementsprechend weg. Aber das Pendel schlägt auch hier
zurück, die Renaissance der Proteaseinhibitoren ist dabei nur ein Beispiel. Vor allem die Lipodystrophie, wohl das mit Abstand wichtigste Thema der letzten
Jahre in der HIV-Medizin, und die Sorge um ihre Folgen, bestimmt die Therapie heute. Wie hoch ist
das kardiovaskuläre Risiko und wie werden Patienten nach zwanzig Jahren HAART aussehen, wenn
bei so vielen schon nach wenigen Jahren so deutlich die Langzeittoxizitäten erkennbar sind? Von
"hit hard and early" redet schon seit Jahren niemand mehr. Die Lipodystrophie zwingt Patienten und
ihre Behandler schon jetzt zu neuen Strategien, zumal weiterhin keine kausale Behandlung für
dieses allgegenwärtige Syndrom in Sicht ist. Wie man wohl in zehn Jahren über die - aus
heutiger Sicht - vielversprechenden Versuche zu Eigenfett-Transplantationen und NewFill denken wird,
die auf dieser Konferenz ein wichtiges Thema sind? Werden es retrospektiv bemitleidenswerte Versuche
sein, die Unzulänglichkeiten der Behandlung zu kaschieren oder wird man solche Therapien als
notwenige, adjuvante Routineeingriffe ansehen? Hoffentlich ersteres. Die Lipodystrophie führt auch dazu, dass schon jetzt dringend über neue
Therapiestrategien nachgedacht werden muss: Was darf man und was nicht? Schaukel-, Mono- oder
intermittierende Therapien aber auch das neudeutsche "Nuke-Sparing" sind dabei nur Schlagworte. Das
Thema Therapiepausen, von vielen bereits totgesagt, wird derzeit mit der SMART-Studie, der weltweit
größten Studie, die es jemals im HIV-Bereich gegeben hat, untersucht. Auch abseits der
Lipodystrophie gibt es weitere und neue Probleme: Die Zunahme viraler Resistenzen, der Anstieg der
Syphilis und anderer Geschlechtskrankheiten bei HIV-Patienten, Nierenerkrankungen,
therapierefraktäre Polyneuropathien, Koinfektionen mit Hepatitis B und C sind hier nur einige
Stichworte. Aber nicht nur in der Medizin hat sich einiges geändert. HIV ist in vielen
Bereichen eine "normale" Erkrankung geworden. Der Prozess der Normalisierung kann dabei durchaus
schmerzhaft sein. In seinem Artikel "Vom Besonderen zum Banalen - HIV-Infektion im medizinischen
Wandel" beklagt Jörg Gölz in diesem Kongressband, "der Mehltau des banalen Alltagslebens"
habe "sich über das Reservat HIV/AIDS" gelegt. Das Reservat gerät in Gefahr.
Normalisierung darf eben nicht Banalisierung und Bagatellisierung der Erkrankung bedeuten. Auch
Prävention bleibt hierbei ein Komplex, der gerade von HIV-Medizinern oft vernachlässigt
wird. Wie schwer es ist, Jugendliche oder Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erreichen und wie
man es trotzdem schaffen kann, wird in dieser Konferenz eindrucksvoll gezeigt. Auch Psychologen, AIDS-Hilfen und Sozialarbeiter müssen sich umstellen. Die
Anforderungen, Bedürfnisse und Probleme ändern sich, die Patienten bleiben. Sind die
psychosozialen Auswirkungen der Infektion heute wirklich geringer als vor 15 Jahren? Wohl eher
nicht. Die Patienten leben länger, aber sie müssen sich auch länger mit ihrer
Erkrankung auseinandersetzen. Der "paradoxe Gewinn der HIV-Infizierten" aus den Anfangstagen der
Epidemie, von dem Jörg Gölz spricht, ist weggefallen. Diskriminierung bleibt dafür
alltäglich. Und von einem normalen Umgang mit der HIV-Infektion in dieser Gesellschaft kann
hierzulande auch nach fast 25 Jahren HIV und AIDS keine Rede sein. Um zu den Anfangstagen zurückzukehren: Wo gestern noch über Hospize,
Sterbebegleitung, häusliche Pflege gesprochen wurde, ist heute viel Bürokratie. HIV und
das Arbeitsleben, Begutachtung, Rehabilitation, die Gesundheitsreform und ihre Auswirkungen,
GKV-Modernisierungsgesetz, Kosten der Behandlung, Arzneimittelnovelle, aber auch die Sorgen
niedergelassener Schwerpunktärzte sind wichtige Themen. Auch die besonderen Probleme von
Menschen mit HIV und AIDS, die aus Entwicklungsländern kommen und in Deutschland leben, egal ob
legal oder illegal, müssen besprochen werden. Für diese Patienten bedeuten die
Fortschritte der antiretroviralen Therapie nicht immer nur Gutes: Die Abschiebung wird leichter.
Traditionell wagen die Münchner AIDS-Tage aber auch Blicke über den
Tellerrand hinaus: Infektionskrankheiten wie SARS oder Vogelgrippe werden ebenso gestreift wie die
neuen Möglichkeiten des Internets in der Infektiologie. Und natürlich hat auch die
Situation in der Dritten Welt einen breiten Raum. Die diesjährige Welt-AIDS-Konferenz in
Bangkok hat gezeigt, dass es dabei neben den immer neuen Horrorszenarien auch durchaus Anlass zu
Hoffnung gibt. Die Scheinwerfer der diesjährigen Münchner AIDS-Tage werden sich dieses
Jahr auf Cuba, Kambodscha, Myanmar, Tansania und Osteuropa richten. In bestimmten Bereichen wurden
hier bereits deutliche Fortschritte gemacht. Das Ziel der WHO, Ende 2005 drei Millionen HIV/AIDS
Patienten mit Therapieangeboten zu erreichen, erscheint sehr hoch. Aber bereits der Weg dorthin
bedeutet sicheren Fortschritt. München/Hamburg im November 2004 Hans Jäger
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