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HIV und AIDS in Kamerun 2003
- ein Bericht über die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen - 3. Teil von 3 Teilen von Nina Ruemmelein Die AIDS-definierenden Erkrankungen, die ich am häufigsten gesehen habe,
waren verschiedenste Formen der Tuberkulose, Kaposi-Sarkome, cerebrale Toxoplasmose, cerebrale
Kryptokokkose und Soor-Ösophagitiden. Anhand der sehr begrenzten diagnostischen
Möglichkeiten sind insbesondere die zentralnervösen Manifestationen nicht leicht zu
unterscheiden. Toxoplasmose-IgG im Serum oder Liquorpunktionen mit der Möglichkeit,
Mykobakterien und Cyptococcus neoformans nachzuweisen, sind möglich. Ein craniales
Computertomogramm ist in Yaoundé theoretisch möglich, in der Regel aber zu teuer. Eine
Pneumocystis-Pneumonie habe ich in zwei Fällen aufgrund einer ausgeprägten Dyspnoe
vermutet - eine Patientin wurde ambulant behandelt und kam einige Wochen später in gebessertem
Zustand wieder, eine zweite Patientin in weit fortgeschrittenem Stadium hat eine vorübergehende
Besserung, möglicherweise durch die Cortison-Gabe, erlebt, ist aber wenige Tage später,
wahrscheinlich an einer disseminierten Tuberkulose, verstorben. Beispiel Tuberkulose Das nationale Protokoll zur Behandlung der Tuberkulose sieht für
Fälle von pulmonaler Tbc und dann, wenn Mykobakterien nachgewiesen wurden, eine
Vierfachtherapie mit Ethambutol, Isoniazid, Pyrazinamid und Rifampicin vor. Bei extrapulmonalen
Manifestationen oder fehlendem Erregernachweis wird eine Dreifachkombination durchgeführt.
Insbesondere in der Behandlung von HIV-Patienten, die häufig an einer extrapulmonalen
Tuberkulose leiden und bei denen der Erregernachweis auch bei Lungentuberkulose seltener gelingt,
ist diese Vorgehensweise problematisch. Zudem ist eine deutlich bessere Vernetzung der Tuberkulose-
und der HIV-Programme dringend erforderlich. Nachdem die hohe Wahrscheinlichkeit einer Koinfektion
mit HIV und Tuberkulose in Besprechungen mit den ärztlichen Mitarbeitern wiederholt
thematisiert wurde, zeigte sich ein deutlicher Anstieg an Tuberkulosediagnosen bei den HIV-Patienten
in Yaoundé. Ebenso stiegen die HIV-Neudiagnosen unter den Tuberkulose-Patienten im
"Hôpital du district de Nylon" in Douala von unter 20 % auf über 40 % an. Bei vielen Patienten wird eine Tuberkulose erst einige Wochen nach dem Beginn
einer antiretroviralen Therapie im Sinne eines Immunrekonstitutionsphänomens klinisch apparent.
Da geboosterte Protease-Hemmer bisher nicht verfügbar sind, bleibt parallel zur
antituberkulösen Behandlung die Kombination von zwei Nukleosidanaloga mit 800 mg Efavirenz als
die beste Kombination übrig. Rifabutin ist im Vergleich mit Rifampicin sehr teuer und deshalb
als Alternative nicht verfügbar, so dass die Tbc-Therapie immer Rifampicin enthält. Der
Umgang mit schwerwiegenden psychischen Nebenwirkungen und die Entscheidung, ob im Einzelfall
Efavirenz fortgesetzt werden kann, erfordern eine gute Zusammenarbeit von ärztlichem und
psychosozialem Team. Erfahrungen aus anderen afrikanischen Ländern Im Lauf der letzten zwei Jahre haben in vielen afrikanischen Ländern
Programme begonnen, die ART zur Verfügung stellen. Diese werden durch die Landesregierung, von
Nichtregierungsorganisationen und von privaten Unternehmen ermöglicht und stehen in jeweils
unterschiedlichem Kontext. So wurde in Botswana angesichts einer HIV-Prävalenz von fast 40 % eine
große Unternehmensberatungs-Firma konsultiert und ein nationales ART-Therapieprogramm ins
Leben gerufen, dass jedem erwachsenen Bürger mit weniger als 200 CD4-Zellen eine kostenlose
Behandlung bieten soll. Die ersten 306 Patienten hatten nach 6 Monaten Therapie zu 84,5 % eine
Viruslast unter 400 Kopien/ml erreicht. Ähnlich ermutigende Ergebnisse mit sehr gutem
Therapieerfolg werden auch aus Projekten von "Ärzte ohne Grenzen" in Südafrika
und Malawi berichtet. Untersucht man die Therapietreue der Patienten genauer, so zeigt sich, dass
die überwiegende Mehrzahl der Patienten die Tabletteneinnahme sehr konsequent einhält und
im Vergleich US-amerikanische Patienten darin deutlich übertrifft. Verschiedene Firmen, wie zum Beispiel die Brauerei Heineken in Burundi konnten
zeigen, dass durch ART für an HIV erkrankte Mitarbeiter die entstehenden Kosten fast
vollständig durch Einsparungen bei der medizinischen Versorgung gedeckt werden können.
Auch in Kamerun beginnen inzwischen einzelne Unternehmen damit, ihren Mitarbeitern eine
HIV-Behandlung zu ermöglichen. Auswirkungen der ART-Verfügbarkeit Die Verfügbarkeit von antiretroviralen Therapien nimmt der Krankheit den
Charakter eines unvermeidlichen Schicksals. Erst seitdem wirksame Medikamente im Land sind, steigt
das Interesse deutlich, den eigenen HIV-Status zu kennen. Musste noch vor zwei Jahren für
freiwillige HIV-Tests mühsam die Werbetrommel gerührt werden, um im Lauf einer Woche
für die Hälfte der bereitgestellten Tests Abnehmer zu finden, so sind die Tests heute
bereits nach drei Tagen "vergriffen". Die Mitarbeiter der Programme beobachten auch
zunehmend, dass sich junge Menschen, die sich gesund fühlen, zum Beginn einer neuen
Partnerschaft untersuchen lassen. Die Motivation, mit der eigenen Erkrankung aus dem Schatten von Verdrängung
und Geheimhaltung herauszutreten, steigt mit der Hoffnung auf die lebenserhaltenden Medikamente.
Gleichzeitig kann die Behandlung den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung sichtbar machen und
der Vorstellung, Opfer eines bösen Zaubers zu sein oder durch Fehlverhalten Schuld auf sich
geladen zu haben, entgegenwirken. In der Regel kann durch ART für viele Jahre und Jahrzehnte ein guter
Allgemeinzustand mit annähernd normaler Leistungsfähigkeit erhalten oder
zurückgewonnen werden. Über diesen individuellen Gewinn für den Patienten und seine
Familie hinaus bedeutet das, den Beitrag der jungen, arbeitsfähigen Erwachsenen zur
wirtschaftlichen und politischen Stabilität ihres Landes zu erhalten. Bezahlbare Kombinationstherapien für alle sind realisierbar. Sieben Jahre
nach deren Einführung in den westlichen Industrieländern und etwa zwei Jahre nach dem
Beginn bedarfsgerechter Preisreduktionen für Entwicklungsländer wird der Weg dahin zwar
noch ein langer und schwieriger sein - aber der Anfang ist gemacht. Er lässt hoffen, dass
dieses Rad nicht mehr zurückgedreht werden kann. Ebenso konnte gezeigt werden, dass eine
qualitativ hochwertige medizinische Versorgung selbst unter schwierigsten Bedingungen und mit
deutlich vereinfachter Infrastruktur geleistet werden kann. Die Machbarkeit von ART in
Entwicklungsländern hat sich erwiesen. Die nächste Herausforderung ist nun die weitere Verbreitung entsprechender
Programme ohne Qualitätsverlust. So wird auch Infrastruktur geschaffen - das ist seit langem
unumgänglich und es gibt dafür keinen besseren Anlass als die AIDS-Pandemie, die Menschen
und Ressourcen vieler Länder verschlingt. Literatur Médecins Sans Frontières (MSF). Untangling the web of
price reductions: a pricing guide for the purchase of ARVs for developing countries. Fourth edition,
15th May 2003. Ministry of Public Health, Cameroon. National AIDS Control Programme 2000. PRETIVI Douala: Prévention et Traitement Intégré du VIH a Douala. Projet soumis au Comité de Projet de MSF Suisse, 2003. UNAIDS/WHO. Epidemiological fact sheets on HIV/AIDS and sexually transmitted infections, 2002 update United Nations Conference on Trade and Development. Least developed countries. http://www.unctad.org/en/docs/ldc2002annex_en.pdfUnited Nations Development Programme 2003. Human Development Report 2003. Millenium Development Goals: Acompact among nations to end human poverty. www.undp.org/reports/view_reports.cfmWorld Bank Group. Data and Statistics. Low income economies. http://www.worldbank.org/data/countryclass/classgroups.htmWorld Bank Group. Health topic indicators. Developing countries - Health, Nutrition - 2001. http://devdata.worldbank.org/external/dgcomp.asp?rmdk=110&smdk=473886&w=0World Health Organization June 2002: Scaling up antiretroviral therapy in resource-limited settings. Guidelines for a public health approach. http://www.who.int/HIV_AIDS/CARE/ScalingUp_Guidelines_Final021002.pdf
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