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HIV und AIDS in Kamerun 2003
- ein Bericht über die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen - 2. Teil von 3 Teilen von Nina Ruemmelein Was muss geschehen, damit für HIV-Erkrankte in Entwicklungsländern
eine medizinische Versorgung gewährleistet werden kann? Bezahlbarkeit Triomune 30/40, ein Generikum der indischen Firma Cipla, ist heute in Kamerun
die günstigste Version einer Dreifachkombination (d4T+3TC+NVP). Es steht über die
staatliche "Zentrale für den Einkauf essentieller Medikamente" pro Patient bereits
für umgerechnet ca. 23 Euro (15.000 FCFA) monatlich zur Verfügung. Die Messung der
CD4-Zellzahl kostet dagegen ca. 30 Euro, die Messung der HI-Viruslast sogar fast 60 Euro! In Zukunft
soll die subventionierte Dreifachtherapie für nur noch ca. 8 Euro pro Monat erhältlich
sein. Dieser Preis kann wahrscheinlich von den meisten Betroffenen auch langfristig
regelmäßig bezahlt werden. Therapieunterbrechungen aufgrund von finanziellen
Engpässen dürfen aber ebenso wenig vorkommen, wie ein Ausschluss der Bedürftigsten
von einer wirksamen Behandlung, wenn sie die nötigen finanziellen Mittel nicht aufbringen
können. In Kamerun ist es wie in vielen afrikanischen Ländern üblich, eine
medizinische Leistung zeitgleich mit deren Erhalt zu bezahlen. Viele HIV-Infizierte sind aber gerade
dann, wenn der Beginn einer antiretroviralen Behandlung dringend erforderlich ist, durch die
Erkrankung selbst und auch durch vorangegangene Ausgaben für Heilversuche zu keinen weiteren
Zahlungen mehr in der Lage. Mit der gesundheitlichen Erholung verbessern sich in der Regel auch die
eigenen finanziellen Ressourcen der Patienten deutlich. Für diese sehr charakteristische Problematik ist also ein
Solidaritätsprinzip, das vorübergehende finanzielle Härten ausgleicht, ebenso
notwendig wie beispielsweise für einen Ausgleich der hohen Kosten, die durch die
stationäre Behandlung einer cerebralen Kryptokokkose anfallen. Qualität Ein medizinisches Projekt in einem Entwicklungsland muss sich an allgemein
akzeptierten Standards orientieren, auch wenn geringe Ressourcen Einschränkungen unvermeidlich
machen. So ist die weitere Entwicklung kostengünstiger und einfacher diagnostischer Methoden,
insbesondere von CD4-Zellzahl und Viruslast, für eine gute medizinische Versorgung
HIV-Infizierter unverzichtbar - sie darf nicht vernachlässigt werden. Ebenso notwendig ist eine gute Ausbildung mit regelmäßiger
Weiterbildung für das gesamte Personal eines HIV-Projektes. Für die Mitarbeiter sind nicht
nur gute Kenntnisse über die Erkrankung und ihre Behandlung erforderlich, sie sollten diese
auch in verständlicher Weise vermitteln können. Neu für das Gesundheitssystem in
vielen Entwicklungsländern ist die Bedeutung, die in den HIV-Projekten von "Ärzte
ohne Grenzen" dem psychosozialen Team zugemessen wird.
Abbildung 3: Psychologische Beratung einer Patientin
Von dessen Mitarbeitern wird sichergestellt, dass der Patient die wesentlichen
Informationen über seine Erkrankung und deren Behandlung erhält und verstanden hat. Sie
teilen die Diagnose mit, achten auf die Fortführung einer Therapie, überprüfen die
sozialen und finanziellen Ressourcen und verwalten die Solidaritätskasse. Das psychosoziale
Team ist Ansprechpartner für Fragen und Sorgen des Patienten und seiner Angehörigen und
erhellt die Lebensumstände eines Betroffenen soweit, dass schwerwiegende zusätzliche
Belastungen - wie zum Beispiel weitere durch HIV erkrankte Familienmitglieder - erkannt, und
Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. Durch die Berater können HIV-Infizierte
Unterstützung finden, wenn es darum geht, ihrem Partner oder der Familie die Diagnose
mitzuteilen. Diese Schritte tragen hoffentlich dazu bei, das unheilvolle Schweigen, das das Thema
AIDS noch immer umgibt, allmählich zu brechen. Bei der Vergabe der Medikamente wird im Projekt "PARVY" über jede
Tablette akribisch Buch geführt. Die Patienten erhalten kleine Tütchen mit der
abgezählten Menge Tabletten für anfangs 14, dann 28 Tage und eine Reserve für 3 oder
7 Tage für den Fall, dass sie durch "höhere Gewalt" daran gehindert werden,
ihren nächsten Termin einzuhalten. Beim folgenden Besuch in der Apotheke soll es zu jeder
Tablette zu viel oder zu wenig eine plausible Erklärung geben und die Reserve nicht ohne
wirklich guten Grund angebrochen sein.
Abbildung 4: Tabletten für die nächsten Wochen werden gezählt und eingepackt
Wo sich Mitarbeiter und Patienten persönlich gut kennen und auf die
Einhaltung von Regeln und Vereinbarungen achten, verringert sich auch das Risiko, die Medikamente
vermengt mit nachgeahmten Pillen zweifelhafter Herkunft und Qualität im Straßenhandel
wieder zu finden. Der Verkauf von Medikamenten auf der Strasse ist zwar illegal, wird aber
überall mit großer Offenheit praktiziert. Auch ursprünglich hochwertige
Präparate erreichen dort bei regelmäßiger Lagerung in der prallen Sonne rasch eine
höchst zweifelhafte Qualität. Hinzu kommen zum Beispiel wirkungslose oder sogar
schädliche "Medikamentenattrappen", wie sie zum Beispiel im Nachbarland Nigeria
hergestellt werden.
Abbildung 5: Medikamentenverkäufer gehören zum gewohnten Straßenbild
Gerechte Verteilung Auch nach den sehr optimistischen Schätzungen staatlicher Stellen
erhalten bisher in Kamerun höchstens 10 % der Therapiebedürftigen eine
Dreifachkombination. Für die meisten Menschen, die bereits an einer AIDS-definierenden
Erkrankung leiden oder die unmittelbar davon bedroht sind, an AIDS zu erkranken und zu sterben, sind
diese lebenserhaltenden Medikamente nicht erreichbar. Die HIV-Prävalenz bei schwangeren Frauen ist in den städtischen
Gebieten Kameruns seit 1996 von ca. 5 % auf aktuell etwa 11 % gestiegen. In naher Zukunft muss
deshalb sehr wahrscheinlich mit einer wachsenden Zahl von Menschen mit schwerem Immundefekt und
Therapieindikation selbst dann gerechnet werden, wenn ein Rückgang der Neuinfektionen erreicht
werden könnte. Schon deshalb müssen bestehende Programme dringend ausgeweitet werden.
Unter diesen Bedingungen kann ein Projekt, das antiretrovirale Therapie zur Verfügung stellt,
sich nur darum bemühen, eine ungerechte Verteilung soweit irgend möglich zu vermeiden. Beispiel: Einschluß der Patienten für eine antiretrovirale
Therapie Um sicherzugehen, dass nur Patienten, für die eine eindeutige
Therapieindikation besteht, von den Leistungen des Projektes profitieren, tagt bei "PARVY"
in zweiwöchentlichen Abständen das "comité d'inclusion". Dort treffen
sich die überwiegend kamerunischen Mitarbeiter und Vertreter von Patientenvereinigungen.
Für jeden Einzelfall wird über den Beginn einer ART entschieden. Zunächst trägt
eine der drei Ärztinnen die medizinische Situation des Patienten vor und begründet dessen
ART-Indikation. Daneben muss ein vorbereitendes Gespräch mit dem psychosozialen Team und ein
Hausbesuch ("visite à domicile") stattgefunden haben. So wird festgestellt, wo und unter welchen Bedingungen der Patient lebt und ob
die Angaben, die er gemacht hat, auch wirklich stimmen. Wichtige Fragen, die in diesem Zusammenhang
geklärt werden müssen, sind zum Beispiel, wieviele Personen in dem betreffenden Haushalt
leben, ob der Patient selbst über ein geregeltes oder unregelmäßiges Einkommen
verfügt, wer finanziell von ihm abhängt und wer für ihn aufkommen kann. Es wird
festgestellt, ob der Haushalt über Stromversorgung verfügt und woher das Trinkwasser
kommt. Darüber hinaus wird der HIV-Status ("negativ", "positiv" oder
"nicht getestet") der übrigen Familienmitglieder erhoben und festgehalten, wer
über die HIV-Infektion des Patienten informiert ist. Dass beide Eltern und eines oder mehrere
Kinder in einem Haushalt HIV-infiziert sind, ist keine Seltenheit. Damit die Tabletten für eine
Person also nicht zwischen mehreren aufgeteilt werden, sollten sich nach Möglichkeit alle
Betroffenen einer Familie darauf verlassen können, dass eine Behandlung für sie zur
Verfügung steht. In der Regel wird von dem Patienten erwartet, dass er einen
"Therapiehelfer" seines Vertrauens benennt, der ihn bei der Behandlung unterstützt
und mit ihm zusammen auf die richtige Einnahme der Tabletten achtet. Auch eine Mitteilung der
HIV-Diagnose an den oder die Sexualpartner sollte möglichst stattgefunden haben. Vom
psychosozialen Team, das aus einem Psychologen, einem Sozialarbeiter und mehreren angelernten
Mitarbeitern, darunter Vertreter von Vereinigungen HIV-Betroffener, besteht, wird auch die
Bereitschaft des Patienten, eine antiretrovirale Behandlung zu beginnen und langfristig
fortzuführen erfragt.
Abbildung 6: Wöchentliche Patienten-Besprechungen sind für die gute Qualität eines Programms
wesentlich
Diese genaue Überprüfung der Behandlungsindikation und der
Lebenssituation durch mehrere Personen hilft, eine Bevorzugung von Freunden, Bekannten und
Verwandten des Behandlers oder die Bezahlung von Bestechungsgeldern zu vermeiden. Literatur Médecins Sans Frontières (MSF). Untangling the web of
price reductions: a pricing guide for the purchase of ARVs for developing countries. Fourth edition,
15th May 2003. Ministry of Public Health, Cameroon. National AIDS Control Programme 2000. PRETIVI Douala: Prévention et Traitement Intégré du VIH a Douala. Projet soumis au Comité de Projet de MSF Suisse, 2003. UNAIDS/WHO. Epidemiological fact sheets on HIV/AIDS and sexually transmitted infections, 2002 update United Nations Conference on Trade and Development. Least developed countries. http://www.unctad.org/en/docs/ldc2002annex_en.pdfUnited Nations Development Programme 2003. Human Development Report 2003. Millenium Development Goals: Acompact among nations to end human poverty. www.undp.org/reports/view_reports.cfmWorld Bank Group. Data and Statistics. Low income economies. http://www.worldbank.org/data/countryclass/classgroups.htmWorld Bank Group. Health topic indicators. Developing countries - Health, Nutrition - 2001. http://devdata.worldbank.org/external/dgcomp.asp?rmdk=110&smdk=473886&w=0World Health Organization June 2002: Scaling up antiretroviral therapy in resource-limited settings. Guidelines for a public health approach. http://www.who.int/HIV_AIDS/CARE/ScalingUp_Guidelines_Final021002.pdf
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