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HIV und AIDS in Kamerun 2003
- ein Bericht über die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen - 1. Teil von 3 Teilen von Nina Ruemmelein Mein vorletzter Aufenthalt in einem afrikanischen Land liegt sieben Jahre
zurück. 1996 - im Jahr der berühmten AIDS-Konferenz von Vancouver, als die HIV-Infektion
zur behandelbaren, chronischen Erkrankung wurde - hat man im Regionalkrankenhaus von Mopti in Mali
zwar HIV-Tests durchgeführt, irgendeine Konsequenz war damit aber nicht verbunden. Die
Patienten wurden nicht nach ihrem Einverständnis mit einem Test gefragt, und ein positives
Ergebnis hielt man vor dem Kranken und seinen Angehörigen geheim. Auch eine Prophylaxe oder
eine Behandlung opportunistischer Infektionen gab es nicht. Vom medizinischen Personal wurden
keinerlei Maßnahmen zum eigenen Schutz vor einer akzidentellen Exposition getroffen. So haben
wir, ungeachtet der Verletzungsmöglichkeiten, gebrauchte Injektionsnadeln auf demselben kleinen
Tablett entsorgt, auf dem sich auch alle weiteren, für die Visite nötigen Utensilien
häuften. Einmalhandschuhe waren so rar und wertvoll, dass man sie mehrmals gewaschen hat und
niemand auf die Idee kam, sie "nur" für Venenpunktionen zu verschwenden. Bis zu 30 %
der stationär behandelten Patienten waren HIV-infiziert. An eine antiretrovirale Therapie war
nicht zu denken. Diesmal habe ich zu Beginn des Jahres 2003 drei Monate in Kamerun verbracht.
Durch die Beteiligung von "Ärzte ohne Grenzen" an einem Forschungsprojekt des
"Institut de Recherche et Développement" gibt es dort im Militärkrankenhaus der
Hauptstadt Yaoundé seit über zwei Jahren die Möglichkeit einer antiretroviralen
Kombinationstherapie (ART) - mittlerweile für mehr als 300 Patienten. Das Programm
"PARVY" (= Programme Antirétroviraux à Yaoundé) hat im Januar 2001
begonnen und stellt damit eines der ersten seiner Art in einem afrikanischen Land dar. Dass eine
erfolgreiche HIV-Therapie in Ländern mit geringen Ressourcen möglich ist, konnte
inzwischen gezeigt werden. Bei "PARVY" wurde nach 12 Monaten Dreifachtherapie von 91 % der
Patienten eine HI-Viruslast unter der Nachweisgrenze von 50 Kopien/ml erreicht. In der zweiten kamerunischen Millionenstadt Douala erhielten HIV-Infizierte
bisher mit Unterstützung von "Ärzte ohne Grenzen" eine verbesserte
Gesundheitsversorgung in zwei Einrichtungen, einem kleinen medizinischen Zentrum, in dem viele
Prostituierte vorstellig werden und in dem Krankenhaus des Stadtbezirks Nylon. Im Rahmen meiner Mitarbeit an diesen HIV-Projekten habe ich einmal
wöchentlich die Visite der stationären HIV-Patienten in Yaoundé übernommen. In
Douala wurden die ersten Patienten, die in diesem Jahr dort eine ART beginnen konnten, von mir
mitbetreut.
Abbildung 1: In der Nachbarschaft des Krankenhauses in Douala
Abbildung 2: Das "Hôpital du district de Nylon" in Douala
So habe ich diesmal in einem durchschnittlichen afrikanischen Krankenhaus
Patienten angetroffen, für die eine adäquate medizinische Versorgung und eine wirksame
Behandlung ihrer HIV-Erkrankung möglich geworden ist. Ich war sehr beeindruckt zu sehen, dass
das, was ich wenige Jahre zuvor nur für Utopie halten konnte, beginnt, Wirklichkeit zu
werden. Im Vergleich mit Mali verfügt Kamerun zwar über deutlich mehr
Ressourcen und gehört damit zu den potentiell reichen Entwicklungsländern; im Umgang mit
AIDS gab es aber bis vor ein oder zwei Jahren kaum Unterschiede zu der Situation, die ich in Mali
erlebt hatte. Gesundheit Die meisten Menschen in Kamerun haben keine Krankenversicherung und keinerlei
sonstige soziale Absicherung. Wer Leistungen des Gesundheitssystems beansprucht, muss die Kosten
direkt begleichen. Eine qualifizierte Behandlung ist kaum garantiert. Patienten im Krankenhaus sind auf die pflegerische Betreuung durch
Familienangehörige angewiesen. Die finanzielle und die praktische Unterstützung seiner
Familie ist für einen kranken Menschen in der Regel lebensnotwendig. Fällt diese weg, gibt
es nicht nur niemanden mehr, der für die notwendige Diagnostik und Therapie bezahlt, sondern
auch die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse wie zum Beispiel die Versorgung mit
Nahrung, die Hilfe beim Toilettengang und bei der persönlichen Hygiene ist nicht mehr
gewährleistet. Wer von seiner Familie allein gelassen wurde, kann bestenfalls noch auf den guten
Willen und die Großzügigkeit der Familien seiner Mitpatienten hoffen. Es kommt deshalb
vor, dass ein Patient auch während eines stationären Aufenthalts nicht genug zu essen hat
und hungern muss. Der Arzt, der in einem afrikanischen Land seinem Patienten und dessen
Angehörigen das Wissen um die HIV-Diagnose vorenthält, tut das nicht bloß, weil er's
nicht besser weiß; er bewahrt den Kranken dadurch nicht nur vor dem schmerzlichen Wissen um
eine infauste Prognose, vor Stigmatisierung und Ausgrenzung, sondern er schützt ihn auch vor
einem sehr konkreten sozialen Tod. Auch die Patienten wissen selbstverständlich um diese elementare
Abhängigkeit und fürchten über die Schrecken der Diagnose und der fehlenden
Heilungsmöglichkeiten hinaus den Ausschluss aus der Gemeinschaft, der sie jede Lebensgrundlage
kosten kann. Damit wird aus den Bemühungen gegen Diskriminierung weit mehr als eine
moralische Verpflichtung zur Achtung der Menschenwürde - sie sind unverzichtbare
Voraussetzung um den Zugang zu Diagnose und Therapie für viele Menschen erst zu
ermöglichen. Insbesondere für junge, unverheiratete Frauen, die vielfach geringe
Ausbildungschancen haben, sind finanzielle Abhängigkeit und Unmöglichkeit der sexuellen
Selbstbestimmung oft eng miteinander verknüpft. Darüber hinaus ist es für sie oft
überlebensnotwendig, eine HIV-Erkrankung geheim zu halten oder am besten gar nicht erst selbst
davon zu wissen. Auch polygame Haushalte und die Regelung, eine Witwe mit dem Bruder des
Verstorbenen wiederzuverheiraten gehören zum Alltag und werfen spezifische Probleme auf,
beispielsweise dann, wenn dessen Familie ihre Zustimmung zu einer Witwenheirat (und der damit
verbundenen sozialen Absicherung) vom Ergebnis eines HIV-Tests abhängig macht. Ein weiterer Aspekt, der die Situation vieler HIV-Erkrankter entscheidend
beeinflusst, ist die Tatsache, dass die westliche Schulmedizin ein kulturfremdes Element darstellt,
das sich von den traditionellen Vorstellungen über Ursachen und Behandlung von Krankheiten in
vielen Fällen grundlegend unterscheidet. Wer seine Gesundheit dieser importierten Heilkunde
anvertraut, nimmt oft zuvor oder auch gleichzeitig die Leistungen der traditionellen Heiler in
Anspruch. Angesichts geringer Ressourcen und kaum vorhandener Infrastruktur wurde und wird
von der westlichen Schulmedizin häufig eine rasche, kostengünstige Behandlung favorisiert,
die oft minimalste Diagnostik und eine relativ hohe Rate an Fehldiagnosen akzeptiert. Damit
verzichtet die rational geprägte, "wissenschaftliche" Medizin jedoch auf genau die
Charakteristika, die sie selbst als ihre entscheidenden Vorteile begreift - insbesondere im
Vergleich mit einer Heilkunde, die sich vielfach auf mystische Erklärungen für
Krankheitsursachen stützt. Wo sollen aber Laien unter diesen Umständen einen Unterschied
zur Magie ausmachen? Und wie will sich die Schulmedizin gegenüber "moderner"
Scharlatanerie abgrenzen, wenn nicht durch klar nachvollziehbare Verfahren zur Beurteilung der
gesundheitlichen Situation des Patienten und deren Verknüpfung mit therapeutischen Strategien?
HIV / AIDS allgemein Die Verbreitung der HIV-Infektion hat in Kamerun erst während der
letzten zehn Jahre stark zugenommen. Heute sind fast 12 % der Erwachsenen (15-49 Jahre) infiziert
(UNAIDS, 2002). Damit liegt die HIV-Prävalenz mehr als doppelt so hoch wie 1996 (5,5 %) und
sechsmal so hoch wie 1992 (2,0 %) (Ministry of Public Health, 2000). Von den 15,5 Millionen
Einwohnern des Landes waren Ende 2001 etwa 920.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Ca. 210 000
Kinder unter 15 Jahren haben einen oder beide Elternteile durch AIDS verloren. (UNAIDS, 2002) Als besondere Risikogruppen gelten junge, unverheiratete Frauen, Lastwagenfahrer
(HIV-Prävalenz 1993/94: 9 - 17 %) und Militärangehörige (HIV-Prävalenz 1996: 15
%). Unter Prostituierten wurde in den Jahren 1993 bis 1995 eine HIV-Prävalenz zwischen 17 und
45 % festgestellt (UNAIDS, 2002). Nach den Angaben von Ärzte ohne Grenzen befinden sich aktuell ca. 100,000
Betroffene in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung (CD4 unter 200/µl und/oder AIDS) eine
antiretrovirale Therapie (ART) benötigen (PRETIVI, 2003). Nach Angaben des kamerunischen
Gesundheitsministeriums bestehen mittlerweile 18 "centres de traitement agrées" und
die Zahl der antiretroviral behandelten Patienten konnte im Lauf der letzten beiden Jahre von 500
auf etwa 5,000 gesteigert werden. Das entspräche etwa 5 % des aktuellen Bedarfs. Bisher ist weniger als die Hälfte dieser Zentren tatsächlich
funktionell, so dass es eine Behandlung fast ausschließlich in den beiden Metropolen
Yaoundé und Douala gibt. Der Anteil der Patienten, die langfristig eine
regelmäßige medizinische Betreuung in diesen Zentren wahrnehmen und sich leisten
können, liegt bestenfalls bei ca. 25 %. Die Mehrzahl der Patienten bricht also eine bereits
begonnene Therapie - oft aufgrund finanzieller Schwierigkeiten - wieder ab. Literatur Médecins Sans Frontières (MSF). Untangling the web of
price reductions: a pricing guide for the purchase of ARVs for developing countries. Fourth edition,
15th May 2003. Ministry of Public Health, Cameroon. National AIDS Control Programme 2000. PRETIVI Douala: Prévention et Traitement Intégré du VIH a Douala. Projet soumis au Comité de Projet de MSF Suisse, 2003. UNAIDS/WHO. Epidemiological fact sheets on HIV/AIDS and sexually transmitted infections, 2002 update United Nations Conference on Trade and Development. Least developed countries. http://www.unctad.org/en/docs/ldc2002annex_en.pdfUnited Nations Development Programme 2003. Human Development Report 2003. Millenium Development Goals: Acompact among nations to end human poverty. www.undp.org/reports/view_reports.cfmWorld Bank Group. Data and Statistics. Low income economies. http://www.worldbank.org/data/countryclass/classgroups.htmWorld Bank Group. Health topic indicators. Developing countries - Health, Nutrition - 2001. http://devdata.worldbank.org/external/dgcomp.asp?rmdk=110&smdk=473886&w=0World Health Organization June 2002: Scaling up antiretroviral therapy in resource-limited settings. Guidelines for a public health approach. http://www.who.int/HIV_AIDS/CARE/ScalingUp_Guidelines_Final021002.pdf
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