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Penicilliosen, Prostitution und Hospize
Ein Situationsbericht aus Myanmar (ehemals Burma)
von Bettina Klatt
Wie in ganz Südostasien ist auch in Myanmar in den kommenden Jahren mit
einer rasant ansteigenden Zahl von HIV-Infizierten und AIDS-Patienten zu rechnen. Das Wissen und die
Informationsmöglichkeiten hinsichtlich Prävention, Infektion, Erkrankung etc. sind nach
wie vor sehr dürftig. AIDS-Patienten und ihre Familien sind häufig stigmatisiert - ihr
Zugang zum "Gesundheitssystem" bleibt überdies stark limitiert.
Shan-state, im Nordosten des Landes gelegen, ist der größte Staat
Myanmars und grenzt sowohl an China als auch an Laos und Thailand. Die Nähe zu diesen Staaten
führte zu einem regen Verkehr und Handel und schließlich auch der Prostitution, die
offiziell in Myanmar verboten ist und strafrechtlich verfolgt wird. Truck- und Taxidriver sowie
kommerzielle Sexworker gehören hier zu den Hauptrisikogruppen für HIV-Infektionen.
Die Shan, in Myanmar eine ethnische Minorität und mit den Thailändern
ethnisch eng verwandt, stellen in Shan-state selbst die Mehrheit der Bevölkerung. Insbesondere
die Shan-Frauen gelten in Thailand als attraktiv und werden in grösseren "Zahlen" für
die thailändische Sexindustrie "rekrutiert".
Seit nunmehr zwei Monaten arbeite ich in Lashio in Shan-state, als Ärztin im
Rahmen eines holländischen Projektes von MSF (Ärzte ohne Grenzen). Dieses Projekt besteht
seit zwei Jahren – die Klinik wurde im April 2002 eröffnet.
Schwerpunkte unseres Projektes sind HIV/AIDS-Prävention einschließlich
einer Senkung von Transmissionsraten im Rahmen einer intensiven Gesundheitserziehung
(Kondomverteilung, Videoshows auf Märkten, in Tea-Shops, Fabriken sowie auch Busch-Bordellen
etc.), aber auch die Diagnostik und Behandlung opportunistischer Erkrankungen. Darüber hinaus
ist es Ziel, Menschen mit AIDS den Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung und zu
häuslicher Betreuung zu ermöglichen und sowohl ihre Lebensbedingungen als auch die
Stigmatisierung zu verringern.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Screening und Behandlung von STDs (sexuell
transmitted diseases = Geschlechtskrankheiten), vor allem bei der Hochrisikogruppe der kommerziellen
Sex-Worker. Zudem schließt das Projekt aufgrund einer in ganz Myanmar weit verbreiteten
multiresistenten Malaria (Malaria falciparum) eine entsprechende Diagnostik und Therapie mit ein.
Bei der "Klinik" hier in Lashio handelt es sich um eine Praxis mit
beschränkten labordiagnostischen Möglichkeiten, in der neben einer Ärztin auch eine
MTA und zwei Krankenschwestern tätig sind. Zu der uns möglichen Labordiagnostik
gehören neben Malariatestung und HIV-Test auch Gramfärbungen, gynäkologische
Abstriche einschließlich RPR (Syphilistest) und eine einfache Sputum (TBC) und
Stuhldiagnostik. In einer lokalen radiologischen Praxis sind Röntgen-Thorax-Aufnahmen als
einzige Diagnostik möglich.
Im Januar 2003 sahen wir in der Klinik ca. 900 Patienten, wobei es sich um ca.
750 Fieberpatienten (davon 50-60 % Malaria-Fälle), ca. 50-60 STD-Fälle und ca. 100
HIV/AIDS-Patienten handelte. Seit der Eröffnung der Klinik im April 2002 sind inzwischen
insgesamt 260 HIV-positive Patienten registriert.
Pro Monat sehen wir ca. 25 neu diagnostizierte Fälle; das
Geschlechterverhältnis ist dabei ausgeglichen, das Durchschnittsalter liegt bei ca. 23 Jahren.
Abgesehen von einigen wenigen Prostituierten scheint der größte Teil
der weiblichen Patienten über Ehemänner infiziert zu werden. Die Männer hingegen
infizieren sich ihrerseits größtenteils durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit
Prostituierten - mindestens 80% aller burmesischen Männer besuchen regelmäßig
Prostituierte. Relativ gering ist der Anteil i.v. Drug-User, auch wenn andererseits davon
ausgegangen werden muss, dass die HIV-Infektionsrate unter den Drogenabhängigen aufgrund von
Needle-sharing und Shooting-galeries sehr hoch sein dürfte. Nur bei zwei Patienten scheint es
sehr wahrscheinlich, dass sie sich durch nicht kontrollierte Blutkonserven infiziert haben.
Nach unseren Beobachtungen ist sicherlich mit weiter steigenden Infektionsraten
zu rechnen. Allerdings ist es sehr schwierig, sich ein verlässliches Bild über die
gegenwärtige Situation zu machen - glaubhafte offizielle Daten sind nicht verfügbar.
Der Grossteil der Patienten, die erstmals die Klinik aufsuchen, sind bereits
symptomatisch oder im Stadium AIDS - lediglich einige wenige sind noch symptomfrei. Hauptsymptome,
die zum Aufsuchen eines Arztes führen - zumeist ist unsere Klinik nach traditionellen Heilern
und lokalen Allgemeinärzten erst die dritte Anlaufstelle - sind Gewichtsverlust mit Diarrhoen
oder bronchopulmonalen Infekten sowie einem zunehmenden Schwächegefühl.
Bei der körperlichen Untersuchung fallen die zumeist dehydrierten Patienten
durch ein Wasting-Syndrom, Hepatosplenomegalie, bronchopulmonale Infekte, zunehmendes
Schwächegefühl sowie durch Mundsoor auf.
Aufgrund der stark eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten ist es
sehr schwierig, eine differenzierte Aussage über Häufigkeit und Auftreten
opportunistischer Erkrankungen zu machen. Neben Soor, bronchopulmonalen Infekten und unklaren
Diarrhoen dürften TBC (pulmonal, renal und Lymphknoten-TBC) und Infektionen mit Penicillium
marneffi die häufigsten Erkrankungen sein. Antibiotische und antimykotische Therapien werden
allerdings pragmatisch durchgeführt - ohne weitere Kenntnisse über Erreger etc.
Überraschend ist dabei die erfreuliche hohe Zahl von Patienten, die sich doch zumindest
für eine gewisse Zeit deutlich bessern. Darüberhinaus erhalten alle symptomatischen
Patienten als Primärprophylaxe Cotrimoxazol. Über den Einsatz antiretroviraler Therapien
wird derzeit diskutiert - ein Pilotprojekt wird in absehbarer Zeit in Jangon gestartet werden.
Ein Schwerpunkt unseres Projektes liegt auf dem palliativen Homecare-Programm.
Zweimal wöchentlich macht sich ein Team, das ich alle zwei Wochen begleite, bestehend aus
Ärztin, Krankenschwester und Fahrer auf den Weg, um einige der Patienten, die bereits zu
schwach sind, um die Klinik aufzusuchen, zu Hause zu besuchen, um sie kostenlos mit Medikamenten
oder Nahrungsmitteln zu versorgen. Unsere anfängliche Skepsis und die Sorge vor einer weiteren
Stigmatisierung der Patienten durch den Besuch einer ngo (non-governmental-organisation) hat sich
als vollkommen unbegründet erwiesen. Die Familien sind überaus dankbar und wir sind mehr
als willkommen, was sich in Form von Einladungen zum Tee, der im Familienkreis auf dem Boden sitzend
eingenommen wird, oder durch diverse Naturalien von der Papaya bis zum Huhn zeigt.
Aber auch einer adäquaten palliativmedizinischen Versorgung sind Grenzen
gesetzt. Hochpotente Analgetika zum Beispiel sind weder lokal verfügbar noch einführbar.
Opioide sind illegal - ein durchaus erwähnenswerter Umstand, wenn man bedenkt, dass Myanmar
noch zu den weltweit führenden Opiumlieferanten gehört.
Die Situationen in den Familien sind oft dramatisch: Ehepartner sind zum Teil
bereits an AIDS gestorben und die Patienten selbst zu schwach, um sich um den Lebensunterhalt oder
die ebenfalls HIV-infizierten Kinder zu kümmern. Dank der burmesischen Familienstrukturen (es
ist durchaus nicht unüblich, mit mehreren Generationen in einem Haus zu leben) werden zumindest
einige Probleme kompensiert. Die Berührungsängste mit HIV und AIDS sind hier oft
überraschend gering, was wohl auch an dem geringen Wissen um die Erkrankung liegen mag.
Allerdings gibt es auch hier Negativbeispiele. Erst kürzlich wurde unser
Projekt mit einem AIDS-Waisen konfrontiert, bei dem die Familie der verstorbenen Patientin die
Betreuung ebenso ablehnte wie bislang auch alle umliegenden Waisenhäuser.
Ergänzend zum Homecare-Programm ist in Zusammenarbeit mit der northern Shan-
State-Baptist-Convention und einigen buddhistischen Klöstern ein Hospiz geplant, was
erstaunlich zügig konkrete Gormen annimmt, sodass im April/Mai mit der Aufnahme der ersten
Patienten gerechnet werden kann. Zusätzlich wurde ein sogenanntes "Entertainment-Program"
für PLWA (people living with aids) gestartet - eine Kombination aus Beschäftigungstherapie
und Selbsthilfegruppe. Die Resonanz bleibt freilich abzuwarten.
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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