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ART in Barcelona – wann anfangen, wann aufhören?
Wie früh ist zu
früh und wann ist es zu spät?
30. Juli 2002 - Mehrere Veranstaltungen
beschäftigten sich ausschließlich mit der Frage, wann mit einer
antiretroviralen Therapie begonnen werden soll. Dass man darüber inzwischen
stundenlang diskutieren kann, stellten gleich mehrere Sessions unter Beweis.
Wie ein roter Faden zog sich dabei durch die Symposien, dass 200 CD4-Zellen die
Schallgrenze sind. Diese Mauer für den Therapiebeginn steht, aber alles andere
bröckelt. Patrick Yeni aus
Frankreich machte in seinem ausgezeichneten Übersichtsvortrag [TuOrB148], in
dem er die Vor- und Nachteile einer früheren Therapie ganz undogmatisch und
sachlich gegeneinander abwog, einiges noch einmal deutlich: Oberhalb der
200er-Grenze fehlen klinische Endpunkte, was AIDS-Erkrankungen betrifft. Die
Datenlage ist außerdem widersprüchlich, ob bei einer frühen Therapie die
Viruslast wirklich besser gesenkt wird. Die absolute CD4-Zellzahl scheint sich
bei früher Therapie immerhin besser zu erholen. Bei der antigenspezifischen
Immunantwort ist die Lage schon wieder unübersichtlicher. In der
Late-Breaker-Session lieferte allerdings Christoph Lange mit seiner in
Cleveland/Ohio begonnenen Studie Hinweise dafür, dass sich bei frühem
Therapiebeginn die spezifische Immunantwort mehr verbessert als bei späterem
Beginn [LBOr09]. Allerdings gibt es auch einige Arbeiten, die zeigen, dass sich
das Immunsystem meist wieder sehr gut erholt. In jedem Fall müssen, so Yeni,
die Vorteile mit den Nachteilen der ART sorgsam abgewogen werden. In einer Analyse der
europäischen ART Cohort Collaboration [TuOrB1140] wurden insgesamt 13
prospektive Studien an weit über 12.000 Patienten ausgewertet. Geneviève Chêne
aus Bordeaux stellte die Untersuchung vor, die dieser Tage auch im Lancet
publiziert wurde [1]. Während einer Beobachtungszeit von 24.310 Personen-Jahren
hatten 1094 Patienten AIDS entwickelt, und 344 Patienten waren gestorben. Die
CD4-Zellzahl zur Baseline war entscheidend und stark prädiktiv für die
Progression oder das Überleben. Im Vergleich zu Patienten, die bei unter 50
CD4-Zellen ihre HAART begannen, lagen die Risiken bei 0.74 (95% CI 0.62-0.89)
für Patienten mit 50-99 CD4-Zellen, bei 0.52 (0.44-0.63) für Patienten mit
100-199 CD4-Zellen, bei 0.24 (0.20-0.30) für Patienten mit 200-349 CD4-Zellen,
und bei 0.18 (0.14-0.22) für Patienten mit mehr als 350 CD4-Zellen. Die
Viruslast zur Baseline spielte nur eine Rolle, wenn sie zur Baseline sehr hoch
war, nämlich über 100.000 Kopien/ml. Ähnliches sah auch Cole, der Daten aus der
MACS- und der WIHS-Kohorte zusammentrug [TuOr1143]. Auch hier gab es zwischen
200-350 und >350 CD4-Zellen zum Zeitpunkt der Therapiestarts keinen
Unterschied. Obgleich sich alle großen
Studien letztlich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie zwei wesentliche
Faktoren nicht berücksichtigen, nämlich a) die
Compliance (man kann sich gut vorstellen, dass jemand mit 0 CD4-Zellen zum
Zeitpunkt des Therapiestartes weniger compliant ist und somit auch weniger von
einer ART profitiert als jemand, der bei 400 CD4-Zellen die Therapie beginnt)
und b) den
Verlauf der CD4-Zellen lautete das Fazit aller
Vorträge: auf die CD4-Zellen gucken! Und rechtzeitig anfangen – wann immer das
– oberhalb von 200 CD4-Zellen - nun eigentlich sein mag.... Therapiepausen –
nichts Neues – oder doch?
Von erschreckend
schlechter Qualität waren viele Beiträge zum Thema Therapiepausen. Sogar in der
Oral Session hatten die Studien zum Teil erhebliche methodische Mängel. Kleine
Patientenzahlen, wirres Design, veraltete Fragen machten eine wirkliche Wertung
bei vielen Abstracts unmöglich. Alejandro Krolewiecki, der eine kleine,
prospektive Studie aus Argentinien vorstellte [ThOrB1440] musste sich gar die
Frage gefallen lassen, was denn eigentlich hier, bitteschön, überhaupt die
Fragestellung wäre. Eine echte Antwort hatte Krolewiecki nicht parat. Auch in
der anschließenden Debatte, als bekannte HIV-Größen wie Martin Markowitz, Bruce
Walker, Christine Katlama oder Mark Dybul das Thema Therapiepausen umfassend
diskutierten, wurde der Betrachter das Gefühl nicht los, dass es genau diese
Session mit den gleichen Diskussionspunkten auch schon vor einem Jahr hätte
geben können. Mark Dybul hatte immerhin
ein Update zu seiner Studie zur intermittierenden Therapie parat. In dieser
bekommen Patienten eine Woche Therapie, jeweils gefolgt von einer Woche Pause
(hivnet berichtete am 14. Februar 2002). Insgesamt 8
Patienten sind jetzt zwischen 72 und 104 Wochen lang beobachtet, es ist
erstaunlicherweise noch zu keinem Anstieg der Viruslast gekommen. In einem
Folgeprotokoll erhalten Patienten derzeit ddI, 3TC und Efavirenz als
Once-Daily-Regime. Auch hier wird alle 7 Tage für 7 Tage pausiert. Das Follow
up beträgt hier bislang 6-8 Monate, es ist auch hier noch kein einziger Rebound
erkennbar. Erstaunlicherweise haben die Patienten in diesem Protokoll noch
nicht mal Blips, also leichte, vorübergehende Anstiege der Viruslast. Interessant war auch der
Vortrag von Joel Gallant, der anhand einer relativ großen Patientenkohorte (n =
75) zeigte, dass man gut und vermutlich auch über einen langen Zeitraum mit
HAART wieder aufhören kann, wenn man zu früh angefangen hat [ThOrB1439]. Die
mediane CD4-Zellzahl prä-HAART bzw. beim HAART-Abbruch lag bei 426 bzw. 677 und
die mediane Viruslast bei 27,000 bzw. 258 Kopien/ml. Immerhin 52 (69 %)
Patienten blieben bislang bei einer mittleren Pausendauer von 69 Wochen ohne
erneute Therapie. In der multivariaten Analyse war eine niedrige CD4-Zellzahl
prädiktiv für einen Neustart. Einer musste ja genauer hingucken, aber
eigentlich war es auch logisch: Wer vor Therapiebeginn schon schlecht war, wird
durch Therapiepausen schneller schlecht, was die CD4-Zellen angeht. Literatur und Link [1] M. Egger, M. May, G. Chêne, et al. Prognosis of
HIV-1-infected patients starting highly active antiretroviral therapy: a
collaborative analysis of prospective studies. Lancet 2002, 360: 119-29. Abstract |
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