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Eine Impfung gegen HIV: Utopie oder schon bald Realität?
von Andrea Rubbert 24. Juli 2002 - Die
aktuellen Zahlen von UNAIDS zur HIV/AIDS Epidemie belegen erneut die
Notwendigkeit einer Vakzine gegen HIV: weltweit leben derzeit 40 Millionen
Menschen mit HIV/AIDS, allein im letzten Jahr ist von 5 Millionen
Neuinfektionen auszugehen. Demzufolge nahm das Thema “Vakzine” in Barcelona wie
schon auf der letzten amerikanischen Retroviruskonferenz einen breiten Raum
sowohl in Plenarsitzungen wie auch bei den Posterbeiträgen ein. Es ist dabei
erfreulich festzustellen, dass sich neben dem Vaccine Center am amerikanischen
NIH auch immer mehr Firmen dem Thema annehmen. Einige interessante Ansätze
sollen in diesem Beitrag etwas näher beleuchtet werden. Emilio
Emini stellte den aktuelle Stand der Vakzineforschung bei der Firma Merck dar,
an der, wie anhand der Namensliste zu erkennen war, mehr als 80 Wissenschaftler
beteiligt sind [WeOrA210]. Wünschenswert
wäre eine Vakzine, die sowohl eine humorale wie auch zelluläre Immunität gegen
HIV induziert. Derzeit verwendete Affenmodelle unterstreichen jedoch
insbesondere die Bedeutung einer zellulären Immunantwort. Diese kann unter
anderem mittels ELISPOT-Assays oder Durchflußzytometrie zur Quantifizierung der
intrazellulären Interferon-g-Produktion nach Stimulation mit HIV Peptiden gemessen
werden. Emini stellt zwei Ansätze vor: Erste
Versuche zielten auf den Einsatz von Plasmid-DNA (“naked” DNA für p55), die
intramuskulär zusammen mit Adjuvantien wie Alum oder CRL1005 Polymer injiziert
wird. Rhesusaffen erhielten dabei jeweils 5 mg dieser DNA in der Woche 0,4 und
8 entweder allein bzw. mit Adjuvantien intramuskulär injiziert, wobei sich
mittels ELISPOT eine CTL-Antwort insbesondere nach Gabe von CRL, aber auch nach
Alum erkennen ließ. Vielversprechender
jedoch erscheint der Ansatz, Adenoviren, bei denen die Genregion E1
herausgenommen wurde und die deshalb nicht mehr replizieren, als Carrier für
HIV DNA (SIVmac239 gag) zu verwenden (Ad5 Vektor). Replikationsdefekte
Adenoviren zeigen eine hohe Effizienz hinsichtlich des möglichen Gentransfers,
integrieren jedoch selber nicht. Eine Induktion von gag-spezifischen CTL gelang
in Abhängigkeit von der verwendeten Partikelzahl. Hinsichtlich des Regimens
zeigte sich ein “Priming” mit DNA, gefolgt von einem “Boost” mit Ad5 als
optimal. Ein Artikel in der Zeitschrift “Nature” [1] hat bereits Anfang des
Jahres die Einzelheiten dieser Experimente beschrieben. Es wurde dabei gezeigt,
daß Affen, die nach einem derartigen Immunisierungs-Regime be-handelt wurden,
einen im Vergleich zur Kontrollgruppe günstigen Verlauf (niedriger Virusload,
erhaltene CD4+ T-Zellzahlen) ihrer SHIV 89.6 Infektion hatten. Emini
stellte jetzt Ergebnisse vor, die zeigen, daß Patienten mit einer HIV Subtyp B
Infektion auch gag Peptide anderer Subtypen und umgekehrt erkennen
(“cross-clade” recognition). Anhand eines Kollektivs von 230 HIV-infizierten
Patienten aus den USA, Brasilien, Thailand, Malawi und Südafrika konnte seine
Arbeitsgruppe zeigen, daß eine ausgeprägte cross-clade Erkennung gegen gag, nef
und pol, weniger aber gegen rev und tat existiert. Dieses Ergebnis spräche
dafür, daß, sofern es um die Induktion einer gag-spezifischen CTL-Antwort geht,
die Verwendung von subtypen-spezifischen Vakzinestrategien nicht erforderlich
sein dürfte und dass der Einsatz von Vakzine des Subtyps B in Ländern, in denen
vor allem die Subtypen A und C vorkommen, durchaus sinnvoll sein kann. In Studien
an HIV-negativen Freiwilligen wurde gag DNA intramuskulär (1 bzw. 5 mg versus
Placebo) in der Woche 0, 4, 8 und 26 appliziert. Dabei zeigten sich in der 5 mg
Gruppe bei 16 von 38 Probanden ein Nachweis von gag-spezifischen CTL 4 Wochen
nach der letzten DNA Gabe. An Nebenwirkungen waren Kopf- und Muskel-schmerzen
sowie Lokalreaktionen an der Einstichstelle zu beobachten. In einer weiteren
Phase I Studie erhielten HIV-negative Freiwillige Ad5 Vektoren mit HIV gag DNA.
Dabei zeigt sich eine dosisabhängige Induktion einer gag-spezifischen
CTL-Antwort in bis zu 78 % aller Probanden, wobei Nebenwirkungen wie Fieber und
Myalgien erst bei höheren Partikelmengen auftraten. Eine Persistenz der
CTL-Antwort konnte bis zum letzten Beobachtungszeitpunkt, 26 Wochen nach Gabe
der letzten Ad5 Vektoren, nachgewiesen werden. Niedrigtitrige vorbestehende
anti-Adeno-Antikörper sind bei bis zu 70% der Bevölkerung nachweisbar. In einer
weiteren Analyse zeigte sich, dass das Vorliegen hochtitriger anti-Ad
Antikörper mit einer schlechteren Induktion von CTL assoziiert war, jedoch dies
bei Verwendung höherer Partikelmengen einen geringeren Einfluß hatte. Geplant
sind aktuell die Durchführung von Prime/Boost Regimen, eine Phase I Studie an
HIV-infizierten Freiwilligen sowie der Einschluß weiterer Gene wie pol und nef
in die Vakzine. Insgesamt scheint dieser Ansatz sehr konsequent und
vielversprechend, weitere Ergebnisse können mit Spannung erwartet werden. Verschiedene
Studien werden derzeit mit einem Canarypox-Vektor mit verschiedenen HIV Genen
durchgeführt. Die Canarypox Vektoren replizieren nicht in menschlichen Zellen
und erlauben die Expression verschiedener Gene simultan. Im Affenmodell konnte
gezeigt werden, dass diese Vakzine immerhin eine Abschwächung des
Krankheitsverlaufs induzieren konnten. Leider sehen die bisher an HIV-negativen
Freiwilligen durchgeführten Untersuchungen nicht ganz so viel-versprechend aus.
Eine dieser Studien beschäftigt sich mit dem Einsatz dieser Vakzine im Sinne
eines Prime/Boost Regimens (ALVAC-HIV vCP1521) bei thailändischen HIV-negativen
Freiwilligen. Als Boost wird dabei rekombinantes, oligomeres gp160 eines
thailändischen HIV Subtyp E Isolates verwendet [Abstract TuOr A1225]. In einer
Phase I Studie, in der der ALVAC-Vektor bzw. gp160 jeweils alleine verwendet
wurden, konnte die Sicherheit und Tolerabilität dieses Regimens festgestellt
werden. Ziel einer Phase II Studie war neben der Feststellung der Sicherheit
auch die Immunogenität der Vakzine. Dafür wurden 60 Freiwillige in die Studie
eingeschlossen, von denen 15 Personen Placebo erhielten. An Nebenwirkungen
waren neben Schmerzen an der Einstichstelle auch Fieber (bei 20 %), Muskel- und
Gelenkschmerzen zu verzeichnen. Hinsichtlich der Immunogenität waren die
Verumgruppen der Placebogruppe überlegen, wobei eine CTL-Antwort bei ca. 20 %
und neutralisierende Antikörper gegen Subtyp E sogar bei 90 % nachgewiesen
werden konnten. Eine ähnliche Studie wurde aus Uganda vorgestellt. 20
HIV-negative Probanden erhielten einen Canarypox Vektor (gag, env) sowie
jeweils 10 Probanden Placebo bzw. einen ALVAC Vektor mit einer Tollwutvakzine.
Die Applikation erfolgte insgesamt viermal über einen Zeitraum von 6 Monaten.
Eine kumulative CTL-Antwort war bei den ALVAC-HIV Probanden in nur 20 % unter
Verwendung des Chrom-Assays zu verzeichnen, unter Verwendung von ELISPOT Assays
bei maximal 35 % gegen gag- und 40 % gegen env-Peptide [Abstract TuOrA1226]. Barbara
Ensoli aus Rom ist hingegen von einer Impf-Strategie gegen das tat-Protein
überzeugt. Auch wenn die tatsächliche Relevanz von extrazellulärem tat-Protein
noch diskutiert wird, verwies sie auf in vitro-Experimente, in denen tat die
Proliferation von T-Zellen verminderte, ihre Apoptose förderte und die
Virusreplikation stimulieren konnte. Die Immunisierung von Rhesusaffen mit
tat-Toxoid (welches immunogen, aber nicht toxisch ist), konnte eine humorale
und zelluläre Immunantwort gegen tat induzieren und war mit einer Verminderung
der Viruslast assoziiert. Ebenso war bei HIV-positiven Patienten das Vorkommen
von anti-tat Antikörpern mit einem signifikant günstigeren Verlauf der HIV-Erkrankung
assoziiert. Der Beginn einer Phase I Studie am Menschen ist noch in diesem Jahr
in Italien geplant, Phase II Studien sowohl im Hinblick auf die Verwendung von
tat als präventive wie auch als therapeutische Vakzine sind in Italien und
Afrika in Vorbereitung. Zusammenfassend
zeigte der Kongress, dass zahlreiche Arbeitsgruppen aktiv an der Entwicklung
einer Vakzine gegen HIV arbeiten und insbesondere, was erfreulich ist,
unterschiedliche Ansätze verfolgen bzw. verschiedene Regime testen. Auch die
Einbindung afrikanischer und asiatischer Länder in diese Studien ist nicht nur
aus medizinisch-wissenschaftlichen Gründen zu begrüßen, sondern auch als
humanitäres und politisches Signal zu werten. Literatur
und Link [1] Shiver
JW, Fu TM, Chen L, et al. Replication-incompetent adenoviral vaccine vector
elicits effective anti-immunodeficiency-virus immunity. Nature 2002, 415, 331 -
335. Abstract |
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