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Nachrichten zur Übersicht
ART in Barcelona – womit anfangen?
Die Eradikation
ist vom Tisch – fürs erste
18. Juli 2002 - Zuerst die schlechte
Nachricht: Mit der Eradikation sieht es schlecht aus. Sogar laut denen, die
noch lange davon gesprochen haben. In seinem Plenarvortrag konzentrierte sich
Bob Siliciano von der Johns Hopkins Universität auf die latenten Reservoire.
Diese bilden bekanntlich die Grundlage für den raschen Wiederanstieg der
Viruslast während der Therapiepausen. Fazit des ernüchternden Vortrags: HIV ist
nicht heilbar mit ART allein. Selbst bei Kindern sah Siliciano keinen
Hoffnungsschimmer. Eine Intensivierung der ART oder eine frühe Therapie ändere
daran nichts, so Siliciano. Ein spezifische Attacke auf die latent infizierten
Zellen sei mit dem heutigen Wissensstand nicht möglich. Zu ähnlich seien sich
infizierte und nicht infizierte Zellen. Insbesondere die infizierten
Memory-Zellen unterlägen einer extrem langen Halbwertzeit, nach seinen
Berechnungen beträgt diese 73 Jahre. Diese Zellen auszuwaschen oder einfach
alle Memory-Zellen zu eliminieren, ist zu toxisch und gefährlich. Obgleich
Silicinao im Anschluß dem Auditorium noch Mut machen wollte und davon sprach,
seiner Überzeugung nach sei eine lebenslange Suppression möglich bzw.
realistisch (= die gute Nachricht), blieb doch ein leicht resignativer
Unterton. Anthony Fauci war in seinem Plenarvortrag nicht ganz so
pessimistisch, aber auch für ihn waren die latenten Reservoire ein „schwieriges
Ziel“ [WeO190]. Für die pharmazeutische
Industrie sind solche Nachrichten von einer lebenslang notwendigen Therapie
natürlich nicht nur negativ besetzt. Klar ist aber hier, dass auch in den
westlichen Industrieländern der Markt nicht unbegrenzt ist. Mehr und mehr
setzen die Firmen daher daran, sich günstig zu positionieren. Manche Firmen
bleiben dabei moderat im Ton, andere werben aggressiv - positive Resultate
werden aufgebauscht, Negatives wird verschwiegen. Der Ton wird jedenfalls
schärfer, das war auch in Barcelona deutlich zu spüren. Lopinavir/r
gegen Nelfinavir - geboostert ist besser als ungeboostert
Nun ist es amtlich:
Kaletra (Lopinavir/r) ist besser als Viracept (Nelfinavir). Die Daten der
M98-863-Studie, die dieser Tage auch im New England Journal of Medicine
publiziert wurden, wurden den Besuchern an jeder Ecke präsentiert, und die
Firma Abbott verteilte die Originalarbeit zu dieser Studie [1] aus
verständlichen Gründen gleich zentnerweise. In dieser Studie waren 686
Patienten mit einem ART-Backbone aus d4T und 3TC doppelblind auf entweder
Kaletra und Viracept randomisiert worden. Nach 48 Wochen waren im Kaletra-Arm
signifikant mehr Patienten unter 400 Kopien/ml (75 % vs. 63 %) bzw. unter 50
Kopien (67 % vs. 52 %). Diese Signifikanz zog sich durch alle Analysen. Keine
große Überraschung, wenn man bedenkt, dass hier ein geboosterten PI gegen einen
ungeboosterten PI verglichen wurde. Aber das wurde dann eher weniger
diskutiert. Kaum ein Wort auch zu den im Kaletra-Arm deutlich häufigeren
Dyslipidämien und der Tatsache, dass die Frequenz der Diarrhoen
überraschenderweise in beiden Armen identisch war. Saquinavir gegen
Indinavir – wenig Unterschiede
In der MaxCmin1-Studie
geht es um den Vergleich von Saquinavir und Indinavir (beide geboostert). Diese
multinationale Studie ist deswegen so interessant, weil sie die Realität
relativ gut abbildet und sowohl therapienaive als auch vorbehandelte Patienten
(mit und ohne suffiziente Virussuppression) eingeschlossen wurden. P. Cahn aus
Kopenhagen stellte die aktuellen 48-Wochen-Daten vor. Von den 306 Patienten,
die auf einen der beiden geboosterten PIs randomisiert wurden, hatten zu diesem
Zeitpunkt immerhin 28 % im Saquinavir-Arm und sogar 41 % im Indinavir-Arm ihre
Therapie schon wieder geändert. Die virologische Effektivität beider Regime war
vergleichbar, gemessen an der Anzahl der Patienten mit einer Viruslast unter
400 Kopien nach 48 Wochen (sowohl ITT- als auch On-Treatment-Analyse).
Auffällig: Unerwünschte Ereignisse waren im Indinavir-Arm sehr viel häufiger.
Nieren-, Haut- und gastrointestinale Probleme durch führten in diesem Arm zu
einer relativ hohen Abbruchrate. Auch wenn es mit dieser Studie scheinbar
Indinavir an den Kragen ging, blieben doch einige Fragen aus dem Auditorium
unbeantwortet. So gab es insbesondere zu den Spiegeln (IDV/RTV war 800/100
dosiert!) keine Daten. Auch hatten im Saquinavir-Arm relativ viele Patienten
die Einnahme verweigert, einige davon, weil ihnen SQV/RTV zu viele Pillen waren
(SQV/RTV war 1000/100 dosiert). Auch gab es insgesamt Kritik am Studiendesign,
u.a. weil auch Patienten, die vor der Studie wegen Nebenwirkungen ihren
ungeboosterten PI absetzen wollten, randomisiert wurden und teilweise den
gleichen PI (nur geboostert) erneut erhalten hatten. Bei aller (teilweise
sicher auch berechtigten) Kritik zeichnet sich aber doch ab, dass es insgesamt
wenig Unterschiede hinsichtlich der antiviralen Potenz zwischen den PIs gibt,
wenn sie geboostert werden. Die Nebenwirkungen werden hingegen immer wichtiger.
Und da schneidet Indinavir offenbar nicht so gut ab. Man darf im übrigen
gespannt sein, wie Abbott reagiert, wenn die ersten Daten des Folgeprotokolls
vorliegen. In diesem wird Kaletra gegen geboostertes Saquinavir getestet.
Werden wir da auch zentnerweise Informationsmaterial erhalten? (Prognose
von HIVNET: Der Unterschied zwischen einzelnen, geboosterten PIs wird
allenfalls marginal sein) Nelfinavir
plus Nevirapin gegen geboostertes Saquinavir – viel hilft viel Ole Kirk stellte die
Daten einer großen dänischen Studie vor, in der insgesamt 233 PI- und
NNRTI-naive Patienten auf entweder die Kombination Nelfinavir plus Nevirapin
oder Ritonavir/Saquinavir randomisiert worden waren [TuOrB1188]. Alle Patienten
erhielten zusätzlich zwei Nukleosidanaloga. Relativ viele Patienten brachen die
Therapie ab, meist wegen unerwünschter Nebenwirkungen (33.9 % und 44.3 %). Nach
48 Wochen waren im Nelfinavir/Nevirapin-Arm signifikant mehr Patienten mit der
Viruslast unter der Nachweisgrenze des ultrasensitiven Tests, nämlich 66.4 %
und 51.8 %. Die Autoren blieben gleichwohl vorsichtig und betonten, es müsse
noch ein längeres Follow up abgewartet werden, bevor man die Kombination
Nelfinavir/Nevirapin als Primärtherapie empfehlen könne. Literatur [1] Walmsley S, Bernstein B, King M, et al. Lopinavir-ritonavir versus nelfinavir for the initial
treatment of HIV infection. N Engl J Med. 2002, 346:2039-46.
Abstract |
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