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Barcelona – Was bleibt
15. Juli 2002 - Irgendjemand
da draußen, den dieser Kongress nicht überfordert hat? Wohin man blickte:
Erschöpfung. Bei über 15.000 Teilnehmern, die sich dicht gedrängt durch das Kongressgebäude
schoben, einer drückenden Hitze, einem leider wie gewohnt unübersichtlichen und
benutzerfeindlichen Programmheft mit weit über 400 Vorträgen, Meetings und
Symposien verzog sich manch einer lieber, um sich in Barcelonas Altstadt zu
vergnügen. Angesichts zweier kiloschwerer Abstract-Bände, die es trotz einer
nie da gewesenen Auswahlstrenge - von 11.000 Einreichungen wurden angeblich nur
3.000 angenommen - an Umfang locker mit dem Berliner Telefonbuch aufnehmen
konnten, war man wirklich geneigt, die Segel zu streichen. Vielleicht war die
Unüberschaubarkeit und Komplexität dieser Konferenz auch eine Ursache für das
eher dürftige Interesse insbesondere der deutschen Medien. Diese berichteten
überdies bisweilen mit erstaunlicher Inkompetenz (kann vielleicht mal jemand
der Süddeutschen Zeitung stecken, dass es bei der Therapie nicht, wie
wiederholt zu lesen war, um „Antiretroviren“ geht?). Die Epidemie In der
Eröffnungsveranstaltung rechnete es UNAIDS-Direktor Peter Piot (http://www.unaids.org) den Anwesenden vor: 5
Millionen Neuinfektionen allein im Jahr 2001, darunter 800.000 Kinder, und
insgesamt 3 Millionen AIDS-Tote. 40 Millionen sind infiziert, darunter sind 3
Millionen Kinder. Die Katastrophe Afrika: Insgesamt 14 Millionen Kinder bis 14
Jahren haben mindestens einen Elternteil durch AIDS verloren. In Botswana
beträgt die HIV-.Prävalenz bei Schwangeren inzwischen 45 %, ähnliche Raten
finden sich in Zimbabwe, Swasiland und Namibia. Was auch klar wurde: Länder wie
Kamerun oder Nigeria, von denen man lange geglaubt hatte, sie würden von der
Epidemie nicht in vollem Ausmaß erfaßt werden, ziehen jetzt nach. Keine
Überraschung, aber nun wohl wirklich Realität: Kein Land bleibt verschont. In
Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Schwarzafrikas, wurde in 2001 erstmals
die 5 %-Hürde übersprungen. In den Sub-Sahara-Staaten ist die Lebenserwartung
in den letzten Jahren von 62 auf 47 Jahre zurückgegangen. Zahlen, die nur
unzureichend wiedergeben, was sich in den dortigen Ländern derzeit abspielt.
Von dem ökonomischen Einfluss und der Bedeutung für Gesundheits- und
Erziehungssysteme, für die Arbeitsmärkte und die politische Stabilität dieser
Länder ganz zu schweigen. Aber auch außerhalb Afrikas passiert etwas. In China
leben mittlerweile etwa 850.000 Infizierte, in Indien sind es schon fast 4
Millionen. Im Schatten dieser Staaten breitet sich die Epidemie auch in Ländern
wie Kambodscha, Vietnam oder Indonesien aus, sogar in Papua-Neuguinea wird die
Infektion zu einem Problem. Aus Osteuropa, insbesondere aus Litauen und
Estland, kamen alarmierende Zahlen, und selbst in Iran, Libyen, Oman werden nun
HIV-Infektionen gezählt. Prävention und
Therapie – „und“ statt „oder“
Aber es gab auch positive
Berichte. In Uganda ist die Prävalenz bei Schwangeren seit einigen Jahren
rückläufig, das gleiche scheint nun auch für Zambia zu gelten. Nie zuvor wurde
so viel Geld in die AIDS-Prävention gesteckt. Ermutigendes war von Kampagnen
auf den Philipinen, in Bangladesch, Senegal oder Thailand zu hören. Diese
Kampagnen zeigen, was durch Prävention möglich ist. Und die scheint bitter
nötig, da eine suffiziente Impfung trotz aller Fortschritte bei der
Vakzin-Entwicklung weiterhin nicht in Sicht ist. Obwohl die Firma VaxGen, die
die derzeit größten Impf-Trials organisiert, optimistisch ist und die ersten
Ergebnisse aus verständlichen Gründen kaum mehr erwarten kann („we are months
from an answer“ – erste Resultate sind im 4. Quartal 2003 zu erwarten), rechnen
die meisten Experten nicht mit einer suffizienten Impfung in den nächsten
Jahren. In der aktuellen SCIENCE-Ausgabe zur Barcelona-Konferenz schrieb David
Baltimore vom amerikanischen NIH, es würde ihn nicht überraschen, wenn es noch
zehn Jahre bis zur Lizensierung einer ersten HIV-Vakzine dauern würde. Eine
Impfung, die Infektionen tatsächlich verhindert und nicht nur ihren Verlauf
abmildert, ist vermutlich noch weiter weg. Und so fokussierte sich die
diesjährige Konferenz auf die aktuelle Situation. Nach einer mehrjährigen,
schleppenden Diskussion um die Gefahren einer antiretroviralen Therapie in
Ländern mit geringen Ressourcen (Kritiker befürchteten Resistenzen,
unkontrollierte Toxizitäten usw.) wurde auf dieser Konferenz wohl endgültig
klar: Die Debatte „Prevention or Care“ ist vorüber. Es geht nur mit
beidem. Zahlreiche Meetings und
Symposien beschäftigten sich folglich mit Themen wie Zugangserleichterung,
Verteilungsprogrammen, der Verbesserung von Infrastruktur, aber auch schlicht
mit Möglichkeiten der Preissenkung. Beeindruckende Vorreiterrolle nehmen
hierbei die Projekte von Médicins Sans Frontières ein. Die Organisation
schätzt, dass 100-200 US-Dollar an jährlichen Therapiekosten pro Kopf
realistisch sind. Von der WHO wurden inzwischen realitätsnahe Guidelines für
den Einsatz antiretroviraler Medikamente in der Dritten Welt herausgegeben (http://www.who.int). GPO-Vir zeigt,
was möglich ist
Ermutigend waren vor
allem die Berichte aus Brasilien und Thailand. In Thailand werden die
Herstellungskosten durch die Produktion von Generics inzwischen um mehr als das
20-fache gesenkt. In einem Symposium wurde dazu GPO-VIR vorgestellt, das seit
drei Monaten in Thailand zugelassen ist. Dieses Medikament ist die Kombination
aus d4T, 3TC und Nevirapin (drei verschiedene Firmen!), alles in einer
Tablette. GPO-VIR gibt es sogar in verschiedenen Dosierungen. Während manch
einer aus der vermeintlich fortschrittlichen westlichen Welt noch staunte, was
hier offenbar einfach und auf die Schnelle so alles möglich ist, rechnete es
die resolute thailändische Rednerin dem Auditorium vor: Die voraussichtlichen
Therapiekosten von GPO-VIR werden, so Krisana Kraisintu, pro Monat etwa 27
US-Dollar betragen. Eine Tablette dieser Dreifachkombination kostet dabei
gerade mal 45 Cents (zum Vergleich: Bei der Einzelsubstanz Tenofovir ist man in
Deutschland im Moment mit etwa dem Hundertfachen dabei!). In einer ersten Phase
sollen etwa 50.000 AIDS-Kranke in Thailand behandelt werden. Kosten pro Jahr:
ganze 16.6 Millionen US-Dollar. Barcelona war mehr noch
als die Vorgänger-Konferenzen ein politischer Kongress und weniger ein
medizinischer. Aber das war wohl auch gut so. In Bangkok in zwei Jahren, auf
der XV. Welt-AIDS-Konferenz wird sich zeigen, ob der hier lautstark formulierte
Protest und die angeschobenen Projekte etwas bewirken. Laut UNAIDS werden bis
2020 rund 68 Millionen Menschen an AIDS gestorben sein, wenn sich nichts ändert
- irgendjemand da draußen, den dieser Kongress wirklich kalt gelassen hat? HIVNET wird in den nächsten Tagen von den
wesentlichen medizinischen Neuigkeiten berichten |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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