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Getretener Quark wird breit, nicht stark:
Was man von den „AIDS-Skeptikern“ wirklich lernen kann.

von Siegfried Schwarze, Projekt Information e.V.

19. Dezember 2001 - Schon seit vielen Jahren verbreiten die selbsternannten „AIDS-Dissidenten“ (auch „AIDS-Skeptiker“ oder im Englischen „AIDS-Denialists“, also „AIDS-Leugner“ genannt) ihre abstrusen Theorien. Angeführt von Peter Duesberg behaupten sie, AIDS würde nicht durch HIV verursacht, sondern durch eine im weitesten Sinne ungesunde Lebensführung und, vor allem, durch die Medikamente. Wissenschaftler und Ärzte winken meist nur noch entnervt ab – sie sind es müde, immer wieder die gebetsmühlenartig vorgebrachten Scheinargumente zu widerlegen. Trotzdem hat sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern die Mühe gemacht, minutiös auch die haarsträubendsten Argumente zu widerlegen (wer einen Internet-Zugang hat und einigermaßen Englisch kann, findet unter "Niaid - The HIV-AIDS Connection" Lesematerial für Monate. Eine sehr schöne Zusammenfassung bietet z.B. das "Niaid - Fact Sheet" . Wer kein Internet hat oder des Englischen nicht mächtig ist, kann von ‚Projekt Information‘ gerne Kopien entsprechender Quellen erhalten). Eigentlich sollte man also meinen, das Thema wäre abgehakt.

Nun verschickt aber zur Zeit ein Verlag an Schwerpunktärzte und AIDS-Hilfen in Deutschland Werbematerial für ein Buch (DM 98,-) und Seminare (DM 450,-) des „Medizinaldirektors i.R. Dr. med. Heinrich Kremer, Barcelona“. Er hängt sich an die Thesen der Duesberg-Jünger an und behauptet im gleichen Atemzug, AIDS (und übrigens auch Krebs) verhindern bzw. heilen zu können. Diesmal mit einer neuen Variante: Das Gewebshormon NO (Stickstoffmonoxid). Kurz zusammengefasst: Eine zu geringe Produktion davon soll AIDS verursachen, eine zu hohe Produktion Krebs. Und natürlich kann der Herr Medizinaldirektor das alles verhindern.

Nun könnte man solche Leute einfach als Spinner abtun und ignorieren, aber mittlerweile wächst eine neue Generation an HIV-Infizierten heran, die die Auseinandersetzung mit der „Duesberg-Thematik“ nicht kennen, und die Thesen aus vielerlei Gründen attraktiv finden. Denn: würde HIV nicht AIDS verursachen, müsste man keinen „Safer Sex“ praktizieren. Und würden die Medikamente nichts nützen (sondern sogar schaden), könnte man sich die Einnahme sparen. Auch an religiösen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Motiven fehlt es den „AIDS-Leugnern“ nicht.

Schließlich ist unbestritten, dass die gängigen Medikamente auch Nebenwirkungen verursachen, und der Wunsch nach „natürlicher“ und „sanfter“ Medizin ohne Nebenwirkungen ist übermächtig, allerdings leider auch unrealistisch.

Es ist dabei nicht immer ganz klar, ob diese Leute bewusst manipulieren wollen, oder selbst nicht wissen, was sie da für einen Blödsinn verzapfen. Deshalb soll im Folgenden versucht werden, die Mechanismen der (Selbst-) Täuschung an ausgewählten Beispielen zu durchleuchten, denn eine vollständige Abhandlung des „Duesberg-Themas“ würde locker ein Buch füllen.

Assoziation vs. Kausalzusammenhang

Diese beiden Dinge werden immer wieder gerne verwechselt. Schönes Beispiel: Während der geburtenstarken Jahrgänge stieg auch die Zahl der Störche in Deutschland an. Es besteht also ein zeitlicher Zusammenhang (Assoziation) zwischen der Zahl der Störche und der Zahl der Geburten. Daraus aber einen ursächlichen Zusammenhang á la „Der Storch bringt die kleinen Kinder“ ableiten zu wollen, ist natürlich unzulässig und führt in die Irre. So gab es (vor der Ära der hochaktiven antiretroviralen Therapie) tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von ‚Poppers‘ (einer Art sexuellem Stimulans) und der Entwicklung des Vollbilds AIDS. Daher kam auch bei den etablierten Wissenschaftlern schnell die These auf, ‚Poppers‘ sei für AIDS verantwortlich. Doch genauere Untersuchungen ergaben, dass beide Phänomene eine gemeinsame Ursache hatten: Schwule, die sexuell besonders aktiv waren, benutzten überdurchschnittlich oft ‚Poppers‘ und erkrankten überdurchschnittlich häufig an AIDS. Allerdings war ‚Poppers‘ früher ein Standardmedikament für die Behandlung von Herzattacken (Angina pectoris) und von diesen Patienten war keiner je an AIDS erkrankt. (Heute wird zur Behandlung von Angina pectoris übrigens Nitroglyzerinspray verwendet, das die sexuell stimulierende ‚Nebenwirkung‘ nicht hat.)

Unzulässiger Umkehrschluss

Alle Rosen sind Pflanzen vs. alle Pflanzen sind Rosen. Solche Umkehrschlüsse sind meistens falsch! Die „AIDS-Leugner“ verwenden aber gerne solche Umkehrschlüsse, z.B.: „wenn alle AIDS-Patienten durch HIV krank geworden wären, müssten alle HIV-Infizierten AIDS bekommen. Viele bleiben aber gesund. Also kann HIV nicht die Ursache von AIDS sein, sondern ist ein völlig harmloses Virus.“ Das ist ein typischer (unerlaubter) Umkehrschluss. Natürlich gibt es HIV-Infizierte, die auf Grund besonderer Umstände das Vollbild AIDS nicht oder erst nach sehr langer Zeit entwickeln. Das können genetische Besonderheiten sein (z.B. Mutationen in denen Genen für die Co-Rezeptoren, die HIV für die Infektion benötigt) oder ein abgeschwächtes HI-Virus. Für beide Möglichkeiten gibt es mittlerweile genügend Belege.

Verwechseln von Ursache und Wirkung

„Langzeitüberlebende (länger als 10 Jahre) wurden nie oder nur kurz mit Medikamenten behandelt“ Vermeintliche Ursache: der Patient wurde nicht behandelt. Vermeintliche Wirkung: er hat mehr als 10 Jahre überlebt. Schlussfolgerung: Nicht HI-Viren verursachen AIDS, sondern die Medikamente. Das ist natürlich Quatsch. Erst anders herum wird ein Schuh daraus:  Wenn ein HIV-Infizierter über viele Jahre stabile Laborwerte (niedrige Viruslast, hohe CD4-Zellzahl) hat, aus welchen Gründen auch immer, wird natürlich kaum ein Arzt zu einer Behandlung raten.

Verschweigen neuerer Erkenntnisse

Bluter, so argumentieren die „AIDS-Leugner“ stürben nicht an den Folgen einer HIV-Infektion, sondern an den vielen Fremdeiweißen, die in den verabreichten Blutpräparaten enthalten sind. Wenn dem so wäre, sollte sich ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der verabreichten Dosen Blutfaktorenkonzentrat und der Entwicklung von AIDS finden lassen. Einen solchen Zusammenhang gibt es aber nicht. Seit die Blutspender auf HIV untersucht werden und die Blutpräparate so behandelt werden, das eventuell vorhandene HI-Viren abgetötet werden, hat sich kein Bluter mehr mit HIV infiziert und AIDS entwickelt (es sei denn, er hatte andere Risikofaktoren, wie ungeschützten Geschlechtsverkehr mit HIV-Infizierten).

Die Hälfte der Wahrheit kann auch eine Lüge sein

AIDS in Afrika sei angeblich nicht auf HIV zurückzuführen, sondern auf die Unterernährung, die schlechten hygienischen Bedingungen und die völlig unzureichende medizinische Versorgung. Wahr daran ist, dass Medizin, Hygiene und Ernährung in vielen Teilen Afrikas unzureichend sind, kein Zweifel. Allerdings stieg die Zahl der AIDS-Erkrankungen besonders stark in den Regionen, in denen genau diese Faktoren verbessert worden waren (so wurden z.B. bei Massenimpfungen durch Verwendung derselben Spritze und Nadel bei zig Menschen ungewollt HIV verbreitet und der wirtschaftliche Aufschwung einiger Regionen führte zur vermehrten Nachfrage nach käuflichem Sex, weil die Männer oft monatelang von ihren Familien getrennt leben müssen und gleichzeitig durch die Arbeit genügend Geld für Prostituierte hatten).

Zitieren von „ollen Kammellen“

Oft wird behauptet, HIV könne nicht der Erreger von AIDS sein, da es die „Kochschen Postulate“ nicht erfülle. Robert Koch formulierte diese so:

... so müssen sich jene drei Postulate erfüllen lassen, deren Erfüllung für den stricten
Beweis der parasitären Natur einer jeden derartigen Krankheit unumgänglich nothwendig ist:
1.) Es müssen constant in den lokal erkrankten Partien Organismen in typischer Anordnung nachgewiesen werden.
2.) Die Organismen, welchen nach ihrem Verhalten zu den erkrankten Theilen eine Bedeutung für das
Zustandekommen dieser Veränderung beizulegen wäre, müssen isolirt und rein gezüchtet werden.
3.) Mit den Reinculturen muss die Krankheit experimentell wieder erzeugt werden können.
Kochsche Postulate in: Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte 2, 424 (1884)

An der Jahreszahl sieht man schon, dass Koch von Viren noch keinen blassen Schimmer haben konnte, sie wurden erst viel später entdeckt. Deshalb gelten seine Postulate streng genommen nur für Bakterien (und auch da nicht für alle, da sich einige schlicht und einfach nicht „rein züchten“, also in Kultur vermehren lassen). Seltsamerweise kam bis jetzt noch nie jemand auf die Idee zu behaupten, Hepatitis C würde nicht durch das Hepatitis-C-Virus verursacht, nur weil sich dieses Virus (bis jetzt) noch nicht außerhalb des Körpers vermehren lässt.

Bei HIV scheitert es eher am 3. Postulat, da man ja nicht einfach Menschen mit HIV-Kulturen infizieren kann. Allerdings ist dieses „Experiment“ mittlerweile leider doch vorgekommen: Laborangestellte haben sich bei Arbeitsunfällen mit HIV aus Zellkulturen infiziert und sind, wenn sie nicht antiretroviral behandelt wurden, schließlich auch an AIDS erkrankt.

Ignorieren von Tatsachen

Häufig liest man, HIV sei nie isoliert und nie fotografiert worden (weil es das Virus ja gar nicht gebe). Nun ist HIV ein Virus und als solches so klein, dass es natürlich nicht in einem gewöhnlichen Lichtmikroskop abgebildet werden kann. Aber Aufnahmen von HIV mit Rasterelektronenmikroskopen gibt es massenweise. Hier ein Beispiel:

Doch hier sagen die „AIDS-Leugner“, das wären keine Viren, sondern nur Zellbruchstücke. Eigenartig nur, dass diese „Zellbruchstücke“ alle gleich aussehen, dieselben Eiweiße und dasselbe Erbmaterial enthalten...

Ignorieren von „Occams Rasiermesser“

Unter „Occams Rasiermesser“ (occam’s razor) versteht man eine philosophische Sicht der Dinge, die Folgendes besagt: Wenn es für ein Phänomen mehrere, konkurrierende Erklärungsmöglichkeiten gibt, ist die einfachste meist auch die richtige.

Die „AIDS-Leugner“ bemühen für AIDS-Fälle bei Schwulen, Drogengebrauchern, Blutern und Afrikanern jeweils eine eigene Erklärung: Einmal sind Poppers und der Einsatz von Anti-HIV-Medikamenten und Chemotherapeutika schuld, dann sind es die Drogen, dann wieder Fremdeiweiße und schließlich die Unterernährung und schlechte Hygiene. Die einfachere (und richtige) Erklärung ist: HIV infiziert wichtige Zellen der Immunabwehr und verringert langfristig deren Zahl. Damit kann der Körper mit ansonsten harmlosen Infektionen nicht mehr fertig werden. Dies führt unbehandelt letztendlich zum Tod.

Angabe von falschen Daten

Oft wird schlicht und ergreifend nur gelogen, dass sich die Balken biegen. So heißt es in einem Artikel des oben bereits erwähnten Dr. Kremer (in „raum&zeit, 113/2001, S. 18): „Beispielsweise sind 1999 in Deutschland nach der offiziellen Medizinstatistik insgesamt rund 800 HIV-Stigmatisierte an AIDS verstorben, alle Opfer wurden pharmatoxisch behandelt.“ Wenn man sich die Mühe macht, selbst auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts (www.rki.de) nachzuforschen, findet man eine Zahl von 69 AIDS-Todesopfern in 1999, während es im Jahr 1994, also vor Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie noch 1203 Todesfälle waren (Daten vom 4. Quartal 2000).

Verfolgungswahn

Dies hat mit der eigentlichen Argumentation zwar wenig zu tun, taucht aber immer wieder auf. Die „AIDS-Leugner“ fühlen sich von den Medien und der etablierten Medizin „totgeschwiegen“, „verleumdet“ und was weiß ich noch. Sie sehen sich selbst eben als eine Art Märtyrer. Tatsache ist, dass es in der Wissenschaft immer wieder mal abweichende Meinungen gibt. Auch wenn in unserem Wissenschaftssystem sicher nicht alles zum Besten steht, so sorgt doch die „kollegiale Konkurrenz“ früher oder später für die Aufdeckung von Fehlern oder Schwindeln: So machte vor ein paar Jahren die „kalte Fusion“ Schlagzeilen und sofort versuchten Wissenschaftler auf der ganzen Welt, die Versuche nachzumachen. Das gelang nirgends, also hatte man den Bluff entlarvt. Anders bei HIV: Hier kamen alle Studiengruppen weltweit zu ähnlichen Ergebnissen. Natürlich wird über Details immer noch diskutiert, wir wissen eben noch nicht alles. Aber das grobe Bild steht und der immense Erfolg der Anti-HIV-Therapie ist einzigartig in der Geschichte der Medizin.

Fazit

Die Beweise, dass HIV bei den meisten Menschen ohne Behandlung früher oder später das Vollbild AIDS verursacht und schließlich zum Tode führt, sind erdrückend. Wer etwas anderes behauptet und damit Leute abhält, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen oder sich, falls erforderlich, in Behandlung zu begeben, spielt wissentlich mit dem Leben von Menschen. Wie das moralisch zu werten ist, möge jeder für sich entscheiden. Natürlich gibt es in der Medizin noch viele offene Fragen und natürlich ist das Leben mit dem Virus und der Therapie nicht leicht. Aber es ist die Realität.

Anmerkung der hivnet-Redaktion: Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung aus

Projekt Information, Jahrgang 9, Nr. 6, November/Dezember 2001 entnommen.

(Kontaktadresse: Projekt Information e.V., Ickstattstraße 28, 80469 München, Tel. 08921949620)


 
 
     
 

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