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Insulinresistenz: Schon nach einmaliger Gabe von Indinavir zu messen
von Georg Behrens 09. November 2001 - In Athen
trafen sich vom 23.-26.10.2001 rund 350 Teilnehmer zu einem in seiner Thematik
wohl einzigartigen Workshop, der sich ausschließlich den unerwünschten
Nebenwirkungen antiretroviraler Therapien widmet. Im letzten Jahr standen auf
der gleichen Veranstaltung in Toronto vor allem deskriptive Berichte großer
Kohortenstudien zur Lipodystrophie im Vordergrund. In Athen wurden in über 130
Beiträgen (Vorträge und Poster) vor allem Untersuchungen über die
pathogenetischen Zusammenhänge dieser Problematik präsentiert. Aber auch
Untersuchungen zu allergischen Hypersensitivitätsreaktionen,
Knochenstoffwechselstörungen und toxischen Leberveränderungen waren vertreten.
Die gezeigten Daten zu den Themen Insulinresistenz und mitochondriale Toxizität
erbrachten den wohl größten Informationszuwachs. Ein Konsensus zur Definition
des Lipodystrophie-Syndroms ist aber noch immer nicht in Sicht. Hierzu werden
die Ergebnisse laufender prospektiver Studien abgewartet. Eines wird jedoch
immer deutlicher: Die Heterogenität der Körperveränderungen unter HAART und die
Ergebnisse aus den in vitro Untersuchungen zur Rolle der
Medikamente zeigen vielfältige pathogenetische Zusammenhänge bei der Entstehung
des Lipodystrophie-Syndroms. Und was viele Ursachen hat, wird sich nicht
einfach behandeln lassen. Dieser Bericht faßt die Neuigkeiten aus drei
Themenbereichen zusammen: Insulinresistenz, mitochondriale
Toxizität/Hyperlaktatämie und Atheroskleroserisiko unter HAART. Insulinresistenz
In
verschiedenen Untersuchungen hat die renommierte Arbeitsgruppe von Mike
Mueckler die Einflüsse von Proteaseihibitoren auf die zelluläre Glukoseaufnahme
analysiert. Aus früher publizierten Daten war bekannt, daß in den in vitro
Modellen Indinavir am stärksten die zelluläre Glukoseaufnahme hemmt. Die neuen
Daten zeigten, daß Indinavir ein relativ selektiver Inhibitor von GLUT 4 zu
sein scheint. GLUT 4 ist ein Glukosetransporter, dessen beeinträchtigte
Funktion möglicherweise auch bei anderen Formen von Insulinresistenz und
Diabetes mellitus relevant ist. Aufgrund der in vitro Daten postulierten
die Autoren, daß Indinavir in therapeutischen Konzentrationsbereichen durch
selektive und direkte Inhibition von GLUT 4 zur Insulinresistenz führt (Murata
et al., Abstract # 1). Als weiteren Hinweis für diesen Mechanismus präsentierte
die gleiche Arbeitsgruppe Untersuchungen, in denen Ratten nach intravenöse Gabe
von Indinavir eine vorübergehende aber ausgeprägte Insulinresistenz entwickeln
(gemessen im euglycämischen-hyperinsulinämischen clamp). Gleichzeitig stiegen
Glukose- und Insulinspiegel signifikant an. Vier Stunden nach Indinavirgabe war
der Effekt wieder verschwunden (Hruz et al., Abstract # 2). Die Kinetik der
Veränderungen ließ den Schluß zu, daß Indinavir ein nicht-kompetetiver Hemmer
von GLUT 4 ist. Und was an Tieren beobachtet wurde, scheint prinzipiell auch im
Menschen zu geschehen. Spannende Ergebnisse hierzu lieferte die Gruppe von Carl
Grunfeld aus San Francisco (Noor et al., Abstract # 3). Auf dem letzten
Lipodystrophie-Workshop hatte die Arbeitsgruppe in sehr sorgfältig
durchgeführten Studien gezeigt, daß gesunde Probanden nach vierwöchiger
Einnahme von Indinavir eine ausgeprägte Insulinresistenz entwickeln. Die
neuesten Ergebnisse belegen, daß gesunde Probanden ausnahmslos schon nach der
einmaligen Einnahme von Indinavir (1200mg) eine deutlich einschränkte
Insulinsensitivität aufweisen. Änderungen im Fettstoffwechsel wurden nicht
beobachtet. Diese Ergebnisse sind in guter Übereinstimmung mit den genannten
Tierversuchen und ließen sich über einen beeinträchtigen Glukosetransport
erklären. Alle genannten Untersuchungen konzentrieren sich jedoch auf einen
Proteaseinhibitor, kontrollierte in vitro Bedingungen in Adipozytenkulturen
oder Kurzzeittherapie von Tieren oder gesunden Probanden. Unsere Arbeitgruppe
aus Hannover untersuchte mittels der Positron-Emissions-Tomographie die
Ratenkonstanten für Glukosetransport und Glukosephosphorylierung in vivo
(Behrens et al., Abstract # 4). Wir fanden, daß die Insulinresistenz von
HIV-Patienten mit Lipodystrophie vorwiegend durch eine beeinträchtigte Glukosephosphorylierung
und nicht bzw. nur unwesentlich durch verringerten Glukosetransport verursacht
ist. Außerdem ist in diesen Patienten die Insulinwirkung auf den
Fettstoffwechsel (Inhibierung der Lipolyse und Lipidoxidation) aufgehoben.
Diese scheinbar widersprüchlichen in vitro und in vivo Resultate zeugen
davon, daß der Insulinresistenz bei abnormaler Fettverteilung und anderen
metabolischen Störungen sehr komplexe Mechanismen zugrunde liegen. Diese
könnten im Verlauf auch ohne jegliche direkte Medikamentenwirkung
weiterbestehen (Dube et al., Abstract # 14). So sind auch die Ergebnisse zu
deuten, über die Steven Grinspoon aus Boston berichtete (Abstract # 7 und # 8).
Er zeigt in verschiedenen Studien eine deutlich erhöhte Lipolyserate und eine
Verbesserung der Insulinresistenz unter medikamentöser Inhibierung der Lipolyse
in HIV-Patienten mit Lipodystrophie. Haugaard (Abstract # 5) präsentierte
Ergebnisse von Untersuchungen, die auf eine hepatische Insulinresistenz bei
Patienten mit Lipodystrophie hindeuten. Diese Daten bestätigen damit den
aktuell in AIDS publizierten Bericht von Marc van der Valk et al. (AIDS 2001,
15:2093-2100), der eine gesteigerte hepatische Glukoseproduktion bei Patienten
mit HIV-assoziierter Lipodystrophie gegenüber gesunden Probanden beschreibt. Fazit: Insulinresistenz unter
antiretroviraler Therapie mit Indinavir kann schnell auftreten und betrifft vor
allem den Muskel aber auch die Leber. Die Insulinwirkung auf den
Fettstoffwechsel kann ebenfalls beeinträchtigt sein. Wahrscheinliche Mechanismen
sind ein medikamentös beeiträchtigter Glukosetransport (GLUT4) und/oder eine
Beeinflussungen der intrazellulären Glukosephosphorylierung. Hinweis: Alle
Abstracts sind in einem Extraband in Antiviral Therapy 2001; 6 (suppl. 4)
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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