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Nachrichten zur Übersicht
Viel Werbung, wenig neue Daten
05. November 2001 - Diese sehr von der
pharmazeutischen Industrie dominierte Konferenz ist stets auch so etwas wie
eine Leistungsschau der Firmen. Diese engagierten sich in Athen allerdings in
sehr unterschiedlicher Art und Weise. Agouron hatte sein Satellitensymposium
wegen der Ereignisse in den USA sogar ganz abgesagt, und auch Triangle zog
mehrere Poster zu FTC zurück. Die Firma Abbott machte sich derweil daran, den
gesamten Kongress mit seinen inzwischen riesigen, dafür nur mäßig interessanten
Kaletra-Datenmengen aus den weltweiten Expanded-Access-Programmen zu bekleben.
Wer es ganz genau wissen wollte, konnte so erfahren, daß Kaletra in Madrid (Poster # 58),
London (Poster
# 60), Mailand (Poster # 64), Kanada (Poster # 230), Deutschland (Poster # 232),
Italien (Poster
# 233), Spanien (Poster # 235) und Frankreich (Poster #
234, 236) gut bei vorbehandelten Patienten wirkt. Mit den
Kaletra-Postern hätte Herr Christo vermutlich die Akropolis verpacken können,
ein wirklicher Erkenntnisgewinn bestand jedoch kaum. Auch die anderen Firmen
hatten indes, bis auf wenige Ausnahmen, keine weltbewegenden Daten zu ihren
neuen Substanzen zu bieten – ein Umstand, der angesichts der
Konferenz-Inflation aber auch nicht verwundert. Wer ist bei drei bis fünf
Kongressen pro Jahr schon in der Lage, immer neue Daten zeigen zu können? TMC125 – ein neuer, potenter NNRTI Die Tibotec/Virco-Medikamenten-Küche
von Rudi Pauwels veröffentlichte vielleicht die interessantesten Daten des
Kongresses. Waren vor einigen Monaten auf der CROI bereits Resultate zu TMC120
präsentiert worden (hivnet berichtete: Link),
so kamen nun die ersten Daten zu der Substanz TMC125, einem ebenfalls
vielversprechenden NNRTI (Vortrag O 9). Wie schon bei TMC120 wurde
auch hier die erste Phase-II-Studie (wohl aus finanziellen Gründen) in Rußland
durchgeführt. Zwölf antiretroviral naive HIV-Patienten erhielten über sieben
Tage jeweils 900 mg TMC125 zweimal täglich, sechs Patienten erhielten Placebo.
Nach den sieben Tagen wurde – die Ethik, die Ethik - allen Patienten eine
antiretrovirale Therapie angeboten. Wirklich erstaunlich war die antivirale
Potenz von TMC125: In der Verumgruppe war die Viruslast nach nur sieben Tagen
von 4.26 log auf 2.21 log Kopien/ml gefallen. In der Placebogruppe tat sich
erwartungsgemäß nichts. Kaum zu glauben: Zwei der zwölf Patienten im Verumarm
erreichten nach nur einer Woche TMC125-Monotherapie eine Viruslast unter der
Nachweisgrenze. Auf einem Poster gab Tibotec Einblicke in die
Screening-Abläufe, über die Substanzen wie TMC120 und TMC125 generiert werden (Poster # 13).
Wenn sich beide in größeren Patientengruppen als verträglich erweisen und sich
auch in vivo bestätigt, daß die Resistenzentwicklung sehr viel langsamer
stattfindet als bei den NNRTIs der ersten Generation, wäre dies ein bedeutender
Fortschritt und eine große Chance für die vielen Patienten, bei denen die
NNRTIs inzwischen wirkungslos geworden sind. Atazanavir – günstiges Lipidprofil Atazanavir, das noch bis vor
kurzem unter dem Namen BMS232632 lief, ist ein neuer Proteasehemmer. In
verschiedenen Dosen wurde die Substanz in zwei großen Studien randomisiert
gegen Nelfinavir getestet. Die antivirale Potenz dürfte beiden Studien zufolge
in etwa der von Nelfinavir vergleichbar sein. Diese an sich wenig sensationelle
Nachricht wird interessanter durch die Tatsache, daß sich neben der einfachen
Einnahme (2 Kapseln einmal pro Tag!) mehr und mehr der günstige Einfluß auf das
Lipidprofil als wichtigster Vorteil herauszustellen scheint. Man ist daher
seitens der Firma Bristol-Meyers verständlicherweise sehr bemüht, diesen
Vorteil besonders hervorzuheben. Mehrere Poster (Poster # 219, # 223) widmeten
sich diesem Phänomen. Und in der Tat, die Unterschiede sind erheblich: Während
in der Nelfinavir-Gruppe das LDL-Cholesterol während der ersten 48 Wochen um
20-31 % stieg, war der Anstieg in den Atazanavir-Gruppen entweder gar nicht
vorhanden oder äußerst moderat. Von der Bilirubin-Erhöhung, die bei relativ
vielen Patienten zu beobachten ist, war hingegen nicht so sehr die Rede. Tenofovir – wenig Kreuzresistenzen Am 26.Oktober – zum Schluß
dann doch schneller als erwartet – ist Tenofovir (Handelsname Viread) in den
USA zugelassen worden (Hiv.net berichtete vor einigen Tagen: Link).
Passenderweise beschäftigten sich zahlreiche Beiträge mit der Substanz, die auf
dieser Konferenz wohl so präsent war wie – von den Kaletra-Poster-Wänden einmal
abgesehen – kein anderes Medikament. Es wurden erneut die Daten der 98902- und
99907-Studien ausgewertet, in denen insgesamt 443 Patienten mit Tenofovir
behandelt worden sind. Wiederum bestätigte sich die gute Verträglichkeit der
Substanz. In den Placeboarmen waren, was durchaus etwas heißen will, die
Abbruchraten sogar höher. Eine renale Toxizität, wie es die Firma Gilead seit
dem Fiasko mit Adefovir inzwischen wahrscheinlich fürchtet wie der Teufel das
Weihwasser, wurde nicht beobachtet (Poster # 227, # 226). Wesentliche
Interaktionen mit ddI, das ebenfalls renal eliminiert wird, bestehen offenbar
nicht (Poster
# 172). In Resistenzanalysen zeigte Tenofovir relativ geringe
Kreuzresistenzen zu anderen Nukleosidanaloga. Bei bis zu 85 % der
Nukes-resistenten Viren war immer noch eine normale Empfindlichkeit für
Tenofovir gegeben. Mit einer verminderten Empfindlichkeit ist nur bei multiplen
AZT-Mutationen sowie bei der (relativ seltenen) T69S-Insertion zu rechnen (Poster # 246).
Auch ist die Resistenzentwicklung für HIV nicht so einfach wie bei anderen
Nukleosidanaloga, wie eine Arbeit aus dem Gilead-Labor demonstrierte (Poster # 247). In der Monotherapie senkt Tenofovir die
Viruslast nach 24 Wochen konstant um etwa eine halbe Log-Stufe (Vortrag O17). |
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