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Rote Klippen und ein Handy

Ein erster - streng subjektiver - Bericht von der ECAATH in Athen

von Christian Hoffmann

Die 8. European Conference on Clinical Aspects and Treatment of HIV-Infection ist gerade zuende gegangen - was nimmt man mit von einem solchen Kongreß, auf dem sich, wie manch Insider hinter vorgehaltener Hand bemerkt, kein HIV-Forscher, der auf wichtigen Daten sitzt, wirklich in die Karten schauen läßt?

Zuerst: Es war ein sehr schöner Ort, das Kongreßzentrum. Draußen vor den Toren Athens, ein edles Hotel, auf den Klippen, über dem Meer, in der Sonne, die abends so schön rot unterging. Blutrot. Da nahm man gerne in Kauf, daß das Kongreßzentrum eigentlich keins war, sondern ein viel zu kleiner Saal, der gerade ein Viertel der Besucher faßte, ein Saal, fast eine Stunde von Athen entfernt, um den herum hastig ein paar Satelliten-Zelte gezaubert worden waren, in denen wahlweise tropische oder arktische Temperaturen dafür sorgten, daß niemand einschlief. Da nahm man auch gerne hin, daß manch Kongreßbedienster ketterauchend hinter den Diaprojektoren thronte und schwer gestresst gegen die dröhnenden Klimaanlagen anqualmte. Wie gesagt, es war sehr schön. In der Sonne. Aber ein paar der Forscher haben sich dann doch in die Karten schauen lassen. Deswegen hat sich der Kongreß doch gelohnt. Wirklich! Nicht nur wegen der Szene, als sich J. Rockstroh während seines sehr gelungenen und souveränen Vortrags auch vom Klingeln seines eigenen (!) Handys nicht aus der Ruhe bringen ließ.

Zurück zum Fachlichen: Schwerpunkte lagen zum einen auf neuen antiretroviralen Substanzen und vor allem praktischen Aspekten der ART, aber auch auf der HCV-HIV-Koinfektion und der bedrückenden Situation in den osteuropäischen Ländern. Dieser haben die Organisatoren schon Rechnung getragen - die nächste ECCATH wird im Oktober 2003 in Warschau stattfinden.

Europäische Richtlinien zur ART vorgestellt

Die Amerikaner haben sogar zwei verschiedene Guidelines, warum braucht es da noch Europäische Richtlinien, möchte man fragen. Nun ist aber in den USA nicht alles so wie in Europa. Andere Länder, andere Sitten. Deswegen macht es durchaus Sinn, die hiesigen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Nathan Clumeck stellte nun die ersten europäischen Richtlinien vor, über denen eine große Zahl Experten im Mai in Brüssel zwei Tage lang gebrütet hatte. Im Internet werden sie vermutlich in den nächsten Wochen sowohl in AIDS, in HIV Medicine und auf der ECAATH-Website veröffentlicht, deswegen hier nur einige Anmerkungen zum Thema Therapiestart: Obwohl Clumeck betonte, man habe im Gegensatz zum inzwischen arg strapazierten "Hit Hard and Early" einen eher konservativen Weg gewählt, muß man sich doch fragen, wieso auch hier immer noch bei weniger als 350 CD4-Zellen ein Therapiestart ungeachtet ("regardless") der Viruslast gefordert wird. Wieso regardless? Und was ist mit "symptomatisch" gemeint, was auch den Richtlinien zufolge immer eine Therapieindikation ist? Ein Soor, ein Herpes Zoster vor ein paar Jahren? Ein paar geschwollene Lymphknoten?

Machen wir es kurz: Bei mehr als 350 CD4-Zellen soll die Viruslast entscheiden. Über 100.000 Kopien ist die ART den Richtlinien zufolge immer zu empfehlen, auch bei über 500 CD4-Zellen. Zwischen 350 und 500 CD4 Zellen sollte die ART bereits ab 50.000 Kopien erwogen werden. Auch bei den Therapiezielen blieb man ziemlich unerbittlich: In der Primärtherapie wurde ein Therapieversagen mit einer Viruslast > 50 Kopien/ml nach sechs Monaten definiert.

Eine andere, wichtige Erkenntnis fand hingegen, wie Clumeck betonte, endlich Eingang in die Richtlinien: "ART is not an emergency situation". Diese Selbstverständlichkeit scheint gar nicht so selbstverständlich zu sein, wie sich auf einer interaktiven, sehr gelungenen Session zeigte, die am gleichen Tag veranstaltet wurde. Hier durften die anwesenden HIV-Behandler (mehrere hundert) mittels Fernbedienung entscheiden, wie sie exemplarische Patienten behandeln würden. Auch wenn wir berücksichtigen, daß sich einige verdrückt haben und diverse Pharmaindustrie-Mitarbeiter zugegen waren - die Ergebnisse waren mitunter erstaunlich. Eine 31jährige, ansonsten gesunde Afrikanerin aus dem Kongo, mit 559 CD4-Zellen und einer Viruslast von 55.000 Kopien/ml, würden immerhin 16 % gleich mit HAART behandeln, ergab die Auswertung. 4 % sogar mit PIs. Der Rest würde abwarten, immerhin. In dem - authentischen - Fallbeispiel bekam die Patientin, die tatsächlich real mit HAART therapiert worden war, übrigens eine Immunrekonstitutions-Tuberkulose.

In der nächsten Woche mehr zu der ECCATH. Die HIVNET-Redaktion wird außerdem vom Lipodystrophie-Workshop berichten, der einige Tage zuvor ebenfalls in Athen stattgefunden hatte.

 

 

 

 

 

 

 


 
 
     
 

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