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Ist es gerechtfertigt, Drogenabhängigen eine Behandlung der Hepatitis C vorzuenthalten?
von Jan-Christian Wasmuth 31. Juli 2001 - Unter dem obigen
Titel ist jetzt eine Diskussion im New England Journal of Medicine entbrannt.
Hintergrund ist, dass derzeit geltende Therapierichtlinien einen aktiven
Drogengebrauch und oft auch die Teilnahme an Methadonprogrammen als
Kontraindikationen für eine Interferon-Therapie betrachten. Die „Hepatitis C
Illicit Drug User Treatment Policy Group“ (im folgenden als PRO
gekennzeichnet), der namhafte Wissenschaftler aus San Francisco angehören,
vertritt eine progressive Position [1] gegenüber der konservativen Position [2]
von G. Davis und J. Rodrigue von der University of Florida (im folgenden
CONTRA). Auch wenn die Thesen sich nicht speziell auf die Situation
HIV/HCV-Koinfizierter beziehen, gelten sie doch in analoger Weise für diese
Gruppe. Die häufigsten Argumente gegen
eine Interferon-Therapie bei Drogengebrauchenden wurden von beiden Seiten
intensiv erörtert. Die wichtigsten Punkte werden von HIVNET im folgenden
zusammengefaßt. Schlechte
Adhärenz
CONTRA:
Drogengebrauch verschlechtert die Adhärenz der Patienten erheblich. Etwa ein
Fünftel der Patienten mit Drogengebrauch beendet die Interferon-Therapie nicht.
Das ist das Dreifache wie bei Patienten ohne Drogengebrauch. PRO:
Klinische Daten zeigen durchaus, dass sich die Adhärenz von Drogengebrauchenden
nicht von anderen Patienten unterscheidet (z.B. bei Tbc-Programmen). Mit
Interventionen wie Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung, Vereinfachung der
Behandlung, sozialen Hilfen, Verbesserung der Patienteninformation, directly
observed therapy (DOT), elektronischen Weckern oder gar finanziellen Anreizen
kann die Adhärenz nachweislich verbessert werden. Mit solchen Interventionen
können Adhärenzraten von 80 % erreicht werden, wie man besonders von der
Tbc-Therapie und der HIV-Therapie gelernt hat. Nebenwirkungen
CONTRA: Es
herrscht breiter Konsens, dass eine psychiatrische Erkrankung eine
Kontraindikation für eine Behandlung mit Interferon darstellt, da die Rate von
psychiatrischen Nebenwirkungen bei 30-40 % liegt. Die Inzidenz psychiatrischer
Erkrankungen wie Depression, bipolare Störungen oder Angststörungen ist unter
Drogenabhängigen hoch. Wenn es nicht gelingt diese Erkrankungen erfolgreich zu
behandeln, besteht die Gefahr, dass es zu einem fortgesetzten Drogenkonsum und
Abbruch der Interferon-Therapie kommt. Hinzu kommt, dass die Selbstinjektion
und die Verfügbarkeit von Injektionsmaterial für vormals drogenabhängige
Patienten problematisch sein kann, wie Fallberichte über Rückfälle bestätigen. PRO: Es
gibt keine ausreichenden klinischen Daten, die zeigen, dass Drogenabhängige,
die mit Interferon behandelt werden, ein höheres Risiko für psychiatrische
Nebenwirkungen von Interferon haben. Da bis zu 30 % der Drogengebrauchenden –
genauso wie 30 % der nicht drogenabhängigen Hepatitis C-Patienten – eine
depressive Erkrankung haben können, ist eine sorgfältige psychiatrische
Evaluation vor Therapiebeginn erforderlich. Erste klinische Daten bei
Methadon-substituierten Patienten zeigen kein erhöhtes Risiko für
psychiatrische Nebenwirkungen im Vergleich zu anderen Patienten-Gruppen. Risiko
der Reinfektion
CONTRA: Durch
fortgesetzten Drogengebrauch besteht die Gefahr einer Reinfektion mit Hepatitis
C. Nach einer erfolgreichen Therapie mit Interferon werden sich etwa die Hälfte
der Patienten mit fortgesetztem Drogengebrauch wieder innerhalb eines Jahres
infizieren. PRO: Das
Risiko der Reinfektion, das durch fortgesetzten intravenösen Drogengebrauch
besteht, kann durch Interventionen einfach minimiert werden. Das sind zum einen
Nadelaustauschprogramme, zum anderen die den USA bestehende Erlaubnis sterile
Nadeln zu verschreiben, wenn kein Nadelaustauschprogramm existiert. Besonders
wichtig scheint auch die Aufklärung über die Möglichkeit der Reinfektion über
oft verwendete weitere Utensilien (Löffel, Filter u.a.). Keine Notwendigkeit des Therapiebeginns, da die gesundheitliche
Gefährdung durch den Drogengebrauch im Vordergund steht
CONTRA: Der
Drogengebrauch sollte vor der Hepatitis C behandelt werden, da er eine
unmittelbarere Gefährdung für die Gesundheit darstellt als die Hepatitis
C-Infektion. PRO: Eine
Verzögerung der HCV-Therapie verursacht in der Regel keinen unmittelbaren
Schaden. Sie macht aber nur dann Sinn, wenn es Pläne zur Behandlung der
Abhängigkeit gibt. Solche Pläne exisitieren aber nicht (in den USA z.B. können
nur 15-20 % der geschätzten Heroinabhängigen an Substitutionsprogrammen
teilnehmen). Dadurch wird die Therapie auf unbestimmte Zeit unmöglich. Ein
dauerhaftes Konzept ist das Verweigern der Behandlung nicht. Kosten
CONTRA: Die
Kosten einer Behandlung der Hepatitis C sind erheblich. Da die Abbruchrate hoch
und die Sterblichkeit 3 bis 14 mal höher sind, ist die Kosteneffektivität sehr
unwahrscheinlich, auch wenn es bislang nicht gelungen ist, wissenschaftliche
Kosten-Nutzen-Analysen zu erstellen. PRO: Interessanterweise
übersteigen die Kosten und Dauer der HIV-Behandlung diejenigen der Hepatitis
C-Therapie bei weitem. Dennoch wurde noch nie ernsthaft diskutiert,
Drogenabhängigen die Behandlung aus einem der genannten Faktoren
vorzuenthalten. Fazit von HIVNET: Jeder möge sich
sein eigenes Urteil bilden. Die Behandlung von drogengebrauchenden Patienten
mit einer Hepatitis C wird eine Einzelfallentscheidung sein, was auch beide
Gruppen als Konsens so sehen. Literatur
(Abstracts sind nicht verfügbar) Edlin BR, Seal KH, Lorvick J, et al. Is it justifiable to withhold
treatment for hepatitis C from illicit-drug users? New Eng J Med 2001, 345:
211-214. Davis GL and Rodrigue JR. Treatment of chronic hepatitis C in active
drug users. New Eng J Med 2001, 345: 215-217. |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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