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Hörschäden durch NRTIs?
Drei Fallberichte zu einer möglicherweise NRTI-assoziierten Ototoxizität geben zu denken

von Christiane Schieferstein

Angesichts der potentiell neurotoxischen Wirkung einiger antiretroviraler Substanzen erscheint auch eine Schädigung der Hörnerven durchaus denkbar – dennoch wurden in der Literatur bislang erst fünf Fälle von NRTI-assoziierter Ototoxizität beschrieben. Simdon und Mitarbeiter berichten nun in Clinical Infectious Diseases über drei weitere Fälle [1]

Die drei gut dokumentierten Fallberichte zeigten neben dem möglichen Zusammenhang mit der Einnahme von NRTIs (vorwiegend d4T und ddI) einige interessante Parallelen. Relevante opportunistische Infektionen waren bis dato bei keinem Patienten aufgetreten. Alle Patienten waren hingegen älter als 45 Jahre und hatten einen bereits vor ART bestehenden lärminduzierten Gehörverlust. Da ein solcher Gehörverlust in der Regel nach Beendigung der Exposition (hier: Knalltraumata) nicht progredient ist, ist die beobachtete Gehörminderung jedoch nicht durch die Progredienz eines bekannten Gehörverlustes erklärbar. Nach Meinung der Autoren war zumindest bei zwei Patienten ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von NRTIs und des Gehörverlust anzunehmen.

Hörschäden bei HIV-Patienten sind nicht neu - in verschiedenen Studien wurde eine erhöhte Inzidenz an Gehörminderungen durch zum Beispiel Otitis media, opportunistische Infektionen, maligne Erkrankungen und Behandlung mit ototoxischen Medikamenten beschrieben.

Während NNRTIs und PIs bisher nicht mit Hörschäden in Verbindung gebracht wurden, existieren bislang fünf Fallbeschreibungen von Ototoxizität durch NRTIs, und zwar drei Fälle durch ddC [2-4], ein Fall durch ddI [5] und ein Fall durch ddI plus AZT [6]. In einer größeren Studie von Marra und Mitarbeitern [7] zeigte sich bei 99 HIV-infizierten Patienten immerhin in 29 % der Fälle ein pathologisches Audiogramm. Die Einnahme von NRTIs in den vorangehenden sechs Monaten war dabei signifikant mit dem Gehörverlust bei Patienten > 35 Jahre assoziiert – dies galt jedoch nicht bei Patienten < 35 Jahre.

Die jetzt von Simdon beschriebenen Fälle passen zu den Resultaten dieser Studien, die ebenfalls eine Assoziation zwischen NRTIs, Alter und Ototoxizität nahelegen. Auffällig war - wie schon erwähnt - der in allen drei Fällen amnestisch bekannte Gehörverlust. Diese Vorschäden könnte die Patienten sensibler gegenüber einem NRTI-assoziierten Gehörverlust machen, der bei Patienten mit normalem Gehör möglicherweise noch im subklinischen Bereich liegt.

Sowohl das Altern wie auch die HIV-Infektion und Gehörverlust sind assoziiert mit mitochondrialen DNA-Mutationen. Wenn NRTIs den Gehörverlust durch mitochondriale Toxizität auslösen, so scheint es denkbar, daß ein Synergismus der mitochondrialen Abnormalitäten entsteht und so einen größerer Gehörverlust bei älteren HIV-Patienten entsteht. Prospektive Studien sind jedoch nötig, um festzustellen, ob NRTIs wirklich eine ototoxische Wirkung haben, und, wenn ja, welche NRTIs und welche Patienten am ehesten davon betroffen sind.

Literatur und Link:

[1] Simdon J, Watters D, Bartlett S, Connick E. Ototoxicity Associated with Use of Nucleoside Analog Reverse Transcriptase Inhibitors: A Report of 3 Possible Cases and Review of the Literature. CID 2001:32:1623-1627. Abstract

[2] Powderly WG, Klebert MK, Clifford DB. Ototoxicity associated with dideoxycytidine. Lancet 1990, 1:1106.

[3] Martinez GP, French MAH. Acoustic neuropathy associated with zalcitabine-induced peripheral neuropathy. AIDS 1993, 7:901-2.

[4] Monte S, Fenwick JD, Monreiro EF. Irreversible ototoxicity associtated with zalcitabine. Int J STD AIDS 1997, 8:201-2.

[5] Vogeser M, Colebunders R, Depraetere K, et al. Deafness caused by didanosine (Letter). Eur J Clin Microbiol Infect Dis 1998, 17:214-5.

[6] Christensen LA, Morehouse CR, Powell TW, et al. Antiviral therapy in a child with pediatric human immunodefiency vius (HIV): case study of audiologic findings. J Am Acad Audiol 1998, 9:292-8.

[7] Marra CM, Wechkin HA, Longstreth WT, et al. Hearing loss and antiretroviral therapy in patients with HIV-1. Arch Neurol 1997, 54:407-10.


 
 
     
 

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