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HIV und Dritte Welt -
Mittwoch verabschiedete die UNO nach ihrem
dreitägigen Sondergipfel eine Resolution zum Kampf gegen AIDS. Wirtschaftsbosse
und Pharmakonzerne beginnen, den Forderungen aus Entwicklungsländern Gehör zu
schenken. Mit einer Schweigeminute gedachten die Delegierten
der bisher 22 Millionen an Aids gestorbenen Menschen. So begann am Montag die
Sonderkonferenz der UNO-Vollversammlung zum Thema Aids in New York. Zum ersten
Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen hat sich damit dieses Gremium
einem Gesundheitsthema gewidmet. Der Ernst der Lage ist nicht mehr zu
übersehen: 36.1 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert – davon 25.5
Millionen allein im subsaharischen Afrika. Und zur Zeit sterben jedes Jahr etwa
drei Millionen Menschen an der Immunschwäche. "Alle zwei Jahre soviele
Opfer wie durch den Holocaust oder jedes Jahr die Bevölkerung Irlands",
wie Donald M. Berwick, Präsident des amerikanischen Instituts für
Gesundheitswesen, in der Washington Post am Dienstag schrieb. Weltweit hat die
Epidemie bedrohliche Ausmaße erreicht: In Botswana sind 36 % der Erwachsenen
HIV positiv, in Südafrika sind es 20 %. Südafrika hält mit 4,2 Millionen HIV /
AIDS Patienten noch vor Indien und Äthiopien den Spitzenplatz auf einer
Rangliste der Staaten mit den meisten Betroffenen. Seit der Pest, die im 14.
Jahrhundert 25 Millionen Menschenleben forderte, gab es keine vergleichbare
Katastrophe. Der Anteil der Frauen auf der Welt, die mit HIV infiziert sind, wird
auf 44 % aller Infizierten geschätzt. In Deutschland – hier sind etwa 50-80.000
Menschen infiziert – sind Frauen inzwischen die zweitgrößte Betroffenengruppe,
so die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung
HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ). Die Resolution
Die Probleme der Vertreter der 189 Mitgliedstaaten
bei der Entwicklung geeigneter Strategien im Kampf gegen AIDS sind vielfältig:
Gleich am Anfang der dreitägigen Sitzung stritten die Delegierten aus 189
Ländern zweieinhalb Stunden über die Akkreditierung einer Schwulen- und
Lesbenorganisation; elf islamische Staaten protestierten gegen deren Teilnahme.
Damit wird ein Problem deutlich, das die Völkergemeinschaft schon länger
beschäftigt: Die sexuelle Selbstbestimmung ist seit einiger Zeit Streitpunkt
unter den Staaten. Und so entsteht ein zentrales Problem der Debatte: Die
Tabuisierung von Sexualität und AIDS, die Präventivmaßnahmen erschwert. UN-Generalsekretär Kofi Annan rechnet mit sieben bis
zehn Milliarden US-Dollar, die jährlich erforderlich sein werden, um die
Epidemie wirksam zu bekämpfen. Ein Betrag, der sich für Otto Normalverbraucher
eindrucksvoll anhört, aber lediglich ein Viertel des Haushaltes von New York
ausmache. "Die Welt kann diesen Betrag doch wohl aufbringen", so
Annan in der Süddeutschen Zeitung, in der er auch über die Gründung eines
globalen Aids-Fonds berichtet. Die Bedeutung des Beitrags der Entwicklungsländer an
diesen Mitteln wird immer wieder betont. Dr. Bernhard Schwartländer vom
Aids-Programm der Vereinten Nationen schätzt, dass ein Drittel bis die Hälfte
von den am meisten betroffenen Ländern selbst aufgebracht werden können. So
haben z. B. Brasilien, Senegal, Thailand und Uganda bereits heute international
anerkannte Aids-Programme auf die Beine gestellt. Aber auch internationale
Hilfe wird nötig sein. Skepsis, ob die erforderlichen Summen tatsächlich
zusammenkommen, begegnet Schwartländer mit dem Hinweis, dass die reichen Länder
allein in ihren nationalen Programmen heute schon beträchtliche Summen
investierten: Die USA zur Zeit mehr als 20 Milliarden Dollar im Jahr. Die
internationale Solidarität wird sich schon allein dadurch einstellen, dass die
Industriestaaten erkennen, dass die Pandemie auch sie selbst betrifft. Eine anders motivierte Solidarität wird schon heute
bei den Pharmakonzernen deutlich: Seit dem verschämten Zurückziehen der Klage
wegen Patentrechtsverletzungen
gegen Südafrika im April – vor allem durch den Druck der Öffentlichkeit
– haben bedeutende Konzerne ihre Politik verändert. Neben drastischen
Preissenkungen für antiretrovirale Medikamente werden zum Teil große Summen für
Schulung und Ausbildung aufgewendet. Aber auch ein Brausehersteller ist bereit,
sein Distributionsnetz im Kampf gegen die Epidemie einzusetzen: Mit den
Cola-Lastern soll Aufklärungs- und Schulungsmaterial in jeden Winkel Afrikas
gelangen. Die dadurch entstehende Aufmerksamkeit in der Presse und das gute
Image wird so preiswert wohl nie wieder zu haben sein. Und es wird weiter gehen: Der Anteil Afrikas am
Weltpharmaumsatz beträgt 1,7 %. Soviel Geld steht also nicht auf dem Spiel,
wenn dieser Markt durch niedrige Preise gefährdet würde. So gehen die
Forderungen dann auch über die bisherigen Zugeständnisse hinaus: In der
Washington Post vom Dienstag dieser Woche werden die Vorstandsvorsitzenden
internationaler Pharmakonzerne dazu aufgefordert, antiretrovirale Medikamente
umsonst abzugeben. In der WP namentlich genannt, hätten „Raymond Gilmartin von
Merck & Co., Sir Richard Sykes und Jean-Pierre Garnier von GlaxoSmithKline
sowie Charles A. Heimbold Jr. und Peter Dolan von Bristol-Myers Squibb und Dr.
Franz B. Humer von Roche“ eine einmalige Chance: Sie können Millionen von
Menschen das Leben retten. Ihre Firmen würden das Vertrauen und den Dank der
gesamten Welt gewinnen. Therapie oder Prävention
Der Chef der Washingtoner Entwicklungshilfebehörde
USAID, Andrew Natsios, zweifelte noch vor kurzem an, ob Afrikaner ohne Uhr die
Einnahmezeiten für die Medikamente einhalten könnten und ob die Infrastruktur
in Afrika eine Verteilung der Medikamente, selbst wenn sie denn zur Verfügung
ständen, überhaupt zulasse. Obwohl sich Natsios in der Zwischenzeit
entschuldigt hat, wird doch deutlich, dass nicht allen Verantwortlichen klar
ist, wie wichtig der Zugang zu antiretroviralen Therapien für die Erkrankten
ist. Und obwohl in der Tat nicht alle Probleme durch Geld zu lösen sind, darf
das kein Grund sein, nicht mit der Hilfe zu beginnen, so Schwartländer vom
Aids-Programm der Vereinten Nationen. Zudem konnte die Hilfsorganisation Ärzte
ohne Grenzen zeigen, dass, wenn Medikamente zur Verfügung stehen, eine
effektive Therapie auch in Entwicklungsländern möglich ist. Die Probleme der
Toxizität, Resistenzentwicklung und Einnahmegenauigkeit sind, unter
Berücksichtigung der Alternativen, kein Hindernis. Darüberhinaus konnte in Brasilien ein interessanter
Zusammenhang zwischen Medikation und Prävention gezeigt werden. Unter
großzügiger Auslegung von Patentrechten, hat der Staat in Brasilien angefangen,
Generika zu produzieren und einzusetzen. Durch die Möglichkeit einer Therapie
wuchs die Motivation in der Bevölkerung, zum HIV-Test zu gehen und durch
Senkung der Viruslast reduzierte sich die Infektiösität. Die Folge: Das
brasilianische Modell findet weltweite Anerkennung und die USA haben am Montag
ihre Beschwerde bei der World Trade Organisation (WTO) gegen Brasilien wegen
Verletzung von Patentrechten fallengelassen. Und so beabsichtigt die UNO laut Schwartländer, fast
zu gleichen Teilen Geld für Therapie und Prävention auszugeben, damit viele
Menschen, die im Moment noch sterben, ein recht ordentliches Leben führen
können und die Bevölkerung auf lange Sicht geschützt werden kann. Links zu dem Thema: http://www.un.org/News/ossg/hilites.htm
Highlights der Pressekonferenz mit Kofi Annan http://www.un.org/ga/aids/coverage/FinalDeclarationHIVAIDS.html
Deklaration der UN zur Bekämpfung von Aids http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/world/issues/aidsinafrica/index.html
Aids in Afrika – eine Übersicht über die bisherigen Artikel in der Washington
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