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Im Wettstreit mit Doc Misha
Alternative Therapieansätze erfreuen sich großer Beliebtheit

von Phillip Aries

15. Juni 2001 - Herr M. ist ein überaus sparsamer Mann. Bevor er sich die ersten Schachteln seiner Dreifachkombination aus der Apotheke abholte, ließ er sich von den Rezeptgebühren befreien. Das gesparte Geld legte er gesundheitsbewusst an und erwarb mehrere bräunliche Fläschchen mit original chinesischer AIDS-Heilkräuter-Mischung.

Mein Mitbehandler heißt Doc Misha und betreibt, wie ich erfuhr, eine „AIDS Wellness Center“ Website [1]. Nach nunmehr 22 Wochen Therapie ist die Viruslast von Herrn M. unter der Nachweisgrenze und seine CD4-Zellzahlen steigen. Das sei aber eher Doc Mishas Erfolg als meiner, meint Herr M., zumal er von den meinerseits verschriebenen Tabletten so manche nur nach Bedarf genommen hätte.

Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage [2] nach versuchen mehr als zwei Drittel aller HIV-Patienten alternative Therapiemethoden (englisch CAM = Complementary and Alternative Medicine). Diese Methoden reichen von viel Sport (43 %) und Diät (37 %) bis hin zu intensivem Beten (24 %).

Immerhin 24 % der Patienten versuchen es auch mit Vitaminen in ultrahohen Dosierungen, und 26 % nehmen wie Herr M. zusätzlich zu ihrer konventionellen Therapie Substanzen zur Stärkung des Immunsystems ein. Verglichen mit der Prä-HAART-Ära scheint der Trend aber insgesamt etwas rückläufig zu sein [3]. Der typische CAM-Konsument in den USA ist jung und weiß, hat eine eher bessere Schulbildung und verdient überdurchschnittlich gut [1,4].

In einigen Studien neigten Patienten in jeweils symptomatischen Erkrankungsstadien eher zu alternativen Therapieformen [5]. Häufig erfolgt diese Hinwendung zu CAM auch als Versuch, die Nebenwirkungen antiretroviraler Therapie zu mindern. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Patienten, die alternative Therapien begleitend verwenden, eine bessere Compliance bei der Einnahme der „normalen“ antiretroviralen Medikamente zeigen [5].

Interessante Diskrepanzen ergeben sich bei der Frage, was der Patient seinem Arzt von der Begleitmedikation berichtet. Während 59 % der befragten Patienten meinten, die Einnahme alternativer Therapien mit ihrem HIV-Behandler besprochen zu haben, hatten das nur 13 % der Ärzte tatsächlich registriert. Je unkonventioneller die eingenommene Substanz war, um so geringer war scheinbar auch die Bereitschaft, dies den Arzt wissen zu lassen. Während 100 % der Anabolika-Konsumenten ihre Ärzte in das Vertrauen zogen, sank die Rate bei Proteinsubstitution auf 67 % und bei chinesische Tees noch weiter auf 33 % [6].

Dabei ist eine gute Kommunikation bezüglich eventueller alternativer Begleittherapien von großer Bedeutung, mehren sich doch die Berichte über unerwartete Arzneimittelinteraktionen zwischen HIV-Medikamenten und Johanniskraut und anderen vermeintlich inerten Naturprodukten [7]. Einfache Knoblauchdragees zum Beispiel senken den Saquinavir-Spiegel um etwa die Hälfte [8]. Erstaunlicherweise meinen nur 47 % der CAM-Patienten, dass die zusätzliche Therapie ihnen gut täte [4].

Eine der wenigen randomisierten klinischen Studien zum Thema, die den Qualitätsstandards von Evidence Based Medicine genügen, konnte keinen Effekt einer standardisierten China-Kräutemixtur auf CD4-Zellzahl, Viruslast oder Lebensqualität belegen. Vielmehr hatten die Patienten in der Verum-Gruppe mehr als doppelt so häufig gastrointestinale Probleme wie die Kontrollpatienten unter Placebo [9]. 

Wie sagt Doc Misha so schön im Vorwort zu seinem nicht ganz billigen HIV Wellness Source Book? „Menschen mit AIDS haben mir großartige Geschenke gebracht....“

Literatur und Links

[1] www.docmisha.com/hiv/index.html

[2] Duggan J, Peterson WS, et al. Use of complementary and alternative therapies in hiv-infected patients. AIDS Patient Care STDS 2001, 15:159-67 (Abstract)

[3] Manfredi R, Chiodo F. The effects of alternative treatments for HIV disease on recommended pharmacological regimens. Int J Antimicrob Agents 2000, 13:281-5. (Abstract)

[4] Chakraborty SC, Duggan J, et al. Use of complentary and alternative medicine (CAM) in an HIV positive Population. XIII International AIDS Conference 2000, Durban, Abstract ThPeB5063

[5] Knippels HM, Weiss JJ. Use of alternative medicine in a sample of HIV-positive gay men: an exploratory study of prevalence and user characteristics. AIDS Care. 2000, 12:435-46 (Abstract)

[6] Southwell H, Valdez H, et al. Use of alternative therapy among HIV infected patients at an urban tertiary center. 8th CROI 2001, Chicago, Abstract 497

[7] Piscitelli SC, Burstein AH, et al. Indinavir concentrations and St John's wort. Lancet 2000, 355:547-8. (Abstract)

[8] Piscitelli SC, Burstein, et al. Garlic supplements decrease saquinavir plasma concentrations. 8th CROI 2001, Chicago, Abstract 743

[9] Weber R, Christen L, Loy M, et al. Randomized, placebo-controlled trial of Chinese herb therapy for HIV-1-infected individuals. J Acquir Immune Defic Syndr 1999, 1:56-64 (Abstract)

Weiterer Link http://www.thebody.com.pinf/herbs.html


 
 
     
 

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