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Mikrobizide - eine Chance zur HIV-Prävention ?

von Christiane Schieferstein

12. März 2001 - Sheena McCormack und Mitarbeiter berichten im British Medical Journal vom 17. Februar 2001 über den aktuellen Stand zur Entwicklung von Mikrobiziden - einem auf den ersten Blick wenig aufregenden Thema, das aber ein wichtiger Baustein eines hoffentlich erfolgreichen Gesamtkonzeptes zur Verringerung der HIV-Transmission sein könnte [1].

Angesichts der sich insbesondere in den Entwicklungsländern dramatisch ausbreitenden HIV-/AIDS-Epidemie - mit 5,4 Millionen Neuinfizierten allein im Jahre 1999 - läuft die Suche nach wirksamen Methoden zur Übertragungsprävention auf Hochtouren. Hierzu zählt nicht nur die Forschung zu HIV-Vakzinen und zur Reduzierung der vertikalen Transmission. Auch neuen Methoden, die die Übertragung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten verhindern, kommt eine immer größerer Bedeutung zu.

Die zur Zeit einzige verfügbare Methode zur Verhinderung der Transmission durch Geschlechtsverkehr ist - neben der sexuellen Abstinenz - das Kondom. Die Probleme mit Kondomen sind jedoch vielschichtig. So ist es ein Nachteil, daß Frauen nicht immer Einfluß auf den Gebrauch nehmen können und Männer häufig ungeschützten Geschlechtsverkehr vorziehen oder in der Forderung nach Kondombenutzung einen "Beweis" für die Untreue der Frau sehen.

Alternative Methoden, die auch von Frauen angewendet werden können, werden daher dringend benötigt. Eine solche Alternative sind wirksame, intravaginal bzw. auch intrarektal anzuwendende Mikrobizide. Das Ziel dabei ist nicht nur, HIV-negative Frauen vor Neuinfektion zu schützen, sondern auch, die Infektiösität HIV-positiver Frauen zu reduzieren. Klar ist, daß auch das wirksamste Mikrobizid nicht besser wirken kann als ein Kondom.

Schon seit längerem werden chemische Mittel zur Kontrolle der Fertilität und von sexuell übertragbaren Krankheiten entwickelt. Intravaginale Spermizide sind jedoch wenig populär. Auch wurde die Entwicklung von Mikrobiziden in den letzten Jahren nur langsam vorangetrieben. Im Jahre 1999 wurden weltweit ca. 35 Millionen US-Dollar öffentlicher Mittel für die Mikrobizid-Forschung ausgegeben - ein sehr kleiner Betrag im Vergleich zu dem, was zur Entwicklung eines neuen Medikamentes bis zur Marktreife ausgegeben wird.

Auf einer im März 2000 in Washington abgehaltenen Konferenz über Mikrobizide zur AIDS-Prävention [2] wurden vielversprechende Kandidaten vorgestellt, aber auch die vielfältigen Anforderungen für Mikrobizide deutlich. Neben der Wirksamkeit in einem breiten pH-Bereich, über mehrere Stunden und im Beisein von Samenflüssigkeit, sollten sie möglichst auch gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten (als eine HIV-Infektion begünstigende Kofaktoren) wirken. Es wäre wünschenswert, auch nicht-spermizide Mikrobizide zur Verfügung zu haben. Diese dürften allerdings nicht teratogen sein. Weiterhin sollten Mikrobizide zusammen mit Kondomen verwendet werden können, möglichst nicht systemisch absorbiert werden und insbesondere keine lokalen toxischen oder die Vaginalflora schädigenden Effekte haben. Dieses könnte das Übertragungsrisiko sogar erhöhen. So wurde in Studien mit dem Spermizid Nonoxinol 9 in Afrika an mehr als 1000 Prostituiertengezeigt, daß dieses Produkt im Vergleich zu Placebo eine bis zu 50 % höhere HIV-Übertragungsrate hatte, so daß die CDC es zur Verhinderung der HIV-Transmission derzeit nicht mehr empfiehlt [3].

Entscheidend für eine breite Anwendung ist die Akzeptanz des Produktes. Diese wird durch eine Reihe von Faktoren begünstigt: Erschwinglichkeit und weite Verfügbarkeit, einfache Anwendung, Anpassung an kulturelle Gegebenheiten, langes Haltbarkeitsdatum und Widerstandsfähigkeit gegen Temperaturextreme.

Zu den einzelnen Präparaten: Zur Zeit werden Mikrobizide mit Breitspektrumaktivitiät wie Nonoxinol 9 in verschiedenen Studien getestet. Daneben werden gegenwärtig insbesondere Mikrobizide weiterentwickelt, die den viralen Eintritt in die Zelle direkt hemmen. Solche Produkte sind zum Beispiel PRO 2000, ein Sulphonatpolymer oder Dextrinsulphat. Diese werden in naher Zukunft in Uganda und an der Elfenbeinküste getestet. Weitere Kandidaten sind Carrageon, das in Südafrika getestet wird, und Zellulosesulphat.

Allerdings ist derartige Studien schon aus ethischen Gesichtspunkten schwierig - man erinnere sich an die heißen Diskussionen bei den Feldstudien über die antivirale Therapie zur Reduktion der Mutter-Kind-Übertragung. Überdies ist die Auswahl des Studienkollektivs schwierig. Die Teilnehmer müssen auf das Versagen des Präparates hingewiesen werden, und Kondome müssen verfügbar sein. Studien können auch das Risikoverhalten erhöhen, was bei Unwirksamkeit sogar zu einer erhöhten Transmissionsrate führen kann.

Laut Sheena McCormack besteht jedoch trotz aller Probleme die Aussicht, daß in den nächsten fünf bis zehn Jahren mindestens ein sicheres und effektives Produkt auf den Markt gebracht wird - sicherlich ein wichtiger Schritt in den Bemühungen, die HIV-Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Ob dem wirklich so ist, wird sich zeigen. Fünf Jahre sind allerdings auch eine lange Zeit, wenn man bedenkt, daß sich jedes Jahr mehr als 5 Millionen Menschen heterosexuell infizieren. Neben Mikrobiziden sind deshalb weitere Maßnahmen erforderlich. Hierzu zählen verhaltensbezogene Aufklärung, verstärkte Propagierung und Bereitstellung von Kondomen, aber auch die effektive Therapie sexuell übertragbarer Krankheiten und natürlich die Entwicklung einer HIV-Vakzine.

Literatur:

[1] McCormack S, Hayes R, Lacey CJN, Johnson AM. Science, medicine, and the future: Microbicides in HIV prevention. BMJ 2001, 322: 410-413. Vollständiger Artikel

[2] AIDS. Volume 15, Supplement 1 vom Februar 2001.

[3] Notice to Readers: CDC statement on study results of product Containing Nonoxynol-9. MMWR 2000, 49:717.
 

 
     
 

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