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Nachrichten zur Übersicht Erste Eindrücke zu einer politischen Konferenz oder: die Erde ist keine Scheibe 13. Juli 2000 - von Christian Hoffmann und Andrea Rubbert
Die 13. Welt-AIDS-Konferenz hat begonnen! Schon bei der spektakulären Eröffnungszeremonie vor mehreren tausend Zuschauern am Sonntagabend im windigen Kingsmead Stadium in Durban wurde deutlich, wie sehr sich diese Konferenz von früheren Meetings unterscheiden würde. Da trommelte afrikanische Folklore zu durchgestylten MTV-Bildern von kranken Kindern, da verdrückte gleich die erste Sängerin auf der Bühne, deren Pathos aufdringlich an Mariah Carey erinnerte, echte Tränen, da beschworen die Redner fast formelhaft das ausgegebene Motto "Breaking the Silence" - die Beobachter beschlich bisweilen das Gefühl, eher einem Benefiz-Pop-Festival beizuwohnen als einer Konferenz. Nach weiteren farbenfrohen, eher an eine Eröffnungsfeier für die Afrika-Spiele erinnernden Darbietungen begann dann der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki endlich seine mit großer Spannung erwartete Rede. Mbeki war in den letzten Monaten erheblich in die Kritik geraten, nachdem er die Nähe jener Sektierer gesucht hatte, die weiterhin die Ursache von HIV für AIDS bezweifeln. Mag man Mbeki auch zugutehalten können, daß er sich wie kaum ein anderer afrikanischer Politiker Gedanken über HIV macht - die Diskussion, ob HIV oder nicht doch Armut und andere widrige Umstände AIDS verursachen, erscheint in einem Land wie Südafrika, das derzeit mit der höchsten HIV-Infektionsrate weltweit aufwartet und gleichzeitig sein AIDS-Budget nicht ausschöpft, eher kontraproduktiv. Noch am Vortag hatte sich Mbeki in den südafrikanischen Zeitungen seitenlange Wortgefechte mit dem Oppositionsführer geliefert, in denen sich beide Seiten sich in beckmesserische Diskussionen um die Verwendung von AZT bei schwangeren oder vergewaltigen Frauen verstrickt hatten. In seiner zwanzigminütigen Rede umschiffte Mbeki geschickt seine Zweifel an der wissenschaftlichen Lehrmeinung. Gleichwohl war in seinen Worten von "Gesundheitskrise", "kollabierenden Immunsystemen" und seiner Forderung nach "accurate statistics and not estimating statistics" ständig zu spüren, wie sehr sich der südafrikanische Staatschef inzwischen auf Irrwege begeben hat. Es steht deshalb zu befürchten, daß sich in der Gesundheitspolitik des Landes auch in der nächsten Zeit nicht viel ändern wird. Erschütternd im Gegensatz zu Mbeki der nächste Redner: der elfjährige Nkosi Johnson, dessen Mutter an AIDS starb und der das am längsten mit HIV lebende vertikal infizierte Kind in Südafrika ist. Unter Tränen bat der Junge um AZT für Kinder und Mütter - schade, daß Mbeki dazu keine Stellung bezog. Vor diesem Hintergrund nimmt das Zaudern und Zögern der südafrikanischen Politik inzwischen groteske Züge an. So konnte sich die Mbeki-Regierung bisher nicht einmal dazu durchringen, auf das Angebot der Pharmaindustrie einzugehen, Nevirapine zur Transmissionsprophylaxe kostenlos zur Verfügung zu stellen. Stattdessen fühlen im hiesigen Fernsehen weiter allabendlich Offizielle der Regierung bemüßigt und kompetent genug, um allen Ernstes auf Nebenwirkungen und Resistenzen hinzuweisen, die dem Land durch die Gabe von Nevirapine an die Mütter drohten. Bezeichnend, daß der Brite Roy Anderson seinen Plenarvortrag am Montagmorgen, in dem er im übrigen ein epidemiologisches Horrorszenario für Südafrika entwarf, mit dem Satz "HIV is the etiological agent of AIDS" einleitete und dafür donnernden Applaus erhielt, ganz so, als würde ein Redner auf einem NASA-Kongreß die brisante These verbreiten, die Erde wäre eine Kugel. Selbst David Ho zeigte noch einen Tag später auf seinem ersten Dia ein elektronenmikroskopisches Foto von HIV, um die Session mit dem an Mbeki gerichteten Satz zu beginnen: "This is the cause of AIDS". Vielleicht wird Durban auch angesichts solcher Debatten in die Geschichte eingehen als die Welt-AIDS-Konferenz mit dem größten politischen Anspruch. Und wahrscheinlich braucht Afrika eine politische Konferenz tatsächlich dringender als immer neue Berichte zu Langzeittoxizitäten, Phänotypisierungen und Giga-HAART. Das große Interesse der Bevölkerung an dieser Konferenz zeigt dies deutlich. Passanten fragen Kongreßteilnehmer nach Neuigkeiten, helfen bei der Suche nach den oft verstreuten und schlecht ausgeschilderten Vortragssäle, und eine überdimensionale rote AIDS-Schleife schmückt das Rathaus. In diesem Kontext erscheint das riesige "Community-Program" in Durban, gegenüber dem die wissenschaftlichen Beiträge fast unterzugehen scheinen, angebracht und notwendig, um dem hochgesteckten Motto "Breaking the Silence" auch nur annähernd gerecht werden zu können. Eine kaum überschaubare Masse von 4300 Postern und fast 700 Vorträgen (fast 25 % der eingereichten 6600 Abstracts wurden abgelehnt!) verspricht jedenfalls einiges.
Und so wollen wir in den folgenden Tagen für HIV.NET wenigstens versuchen, aus den Bergen von Beiträgen, die sich mit
dem Kondomverbrauch in Burkina Faso (eher niedrig), Analverkehr von Schwulen in Hongkong (gibt es), dem HIV-Risiko
polynesischer Prostituierten (mittel) und der Inzidenz von Geschlechtskrankheiten unter thailändischen Blutspendern
(eher hoch) beschäftigen, das für hiesige Verhältnisse Interessante und Wichtige herauszufiltern.
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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