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Bangkok - ein kritischer, erster Eindruck
zur Hauptseite "Bangkok 2004"


Christian Hoffmann

Der Ort der XV. Internationalen AIDS-Konferenz war bewusst gewählt: Asien stand im Blickpunkt. Der Kontinent stünde heute da, wo Afrika vor 15 Jahren gestanden hätte, erklärte UNAIDS-Direktor Peter Piot im Vorfeld. Aber das Bild ist komplexer: Neben neuen Horrorzahlen gab es auch positive Berichte. Während sich die Epidemie derzeit vor allem in China, Vietnam und neuerdings auch Indonesien auszubreiten beginnt, berichten Länder wie Thailand und Kambodscha aufgrund intensiver Präventionskampagnen inzwischen über fallende HIV-Prävalenzen. In Thailand sind die Raten neuer HIV-Infektionen von 140.000 in 1991 auf unter 20.000 in den letzten Jahren gesunken. Die besten Übersichten zur aktuellen Lage finden sich übrigens in den beiden Fachjournals The Lancet ( http://www.thelancet.com/journal/vol364/iss9428/contents) und SCIENCE ( http://www.sciencemag.org/content/vol304/issue5679/index.shtml), die beide im Vorfeld der Konferenz dem Thema HIV/AIDS jeweils ein ganzes Heft widmeten (frei im Internet abrufbar). Was wurde sonst in Bangkok diskutiert?

Wer kein AIDS will, der soll eben auf Sex verzichten. Abstinenz und ein bisschen mehr Treue, und alles wird gut. So einfach ist das. Von Rednern wie Ugandas Präsident Museveni unterstützt, war die Abstinenz-Kampagne der Bush-Administration eines der zentralen Themen dieser Konferenz, und zumindest in den amerikanischen Medien wurde über nichts so intensiv berichtet. Dass es Menschen gibt, die vielleicht nicht so richtig die Wahl haben, scheint der Abstinenz-Fraktion dabei nicht in den Sinn zu kommen. Erstaunlich eigentlich, wie duldsam man in Bangkok blieb angesichts derartiger Gefühllosigkeiten, an denen Marie Antoinette vermutlich ihre Freude gehabt hätte - die französische Königin soll dereinst ihrem hungernden Volke verkündet haben, es solle doch einfach Kuchen essen, wenn es denn kein Brot hätte.

Die Proteste blieben meist zaghaft. Aber man war ja eigentlich selbst nicht besser. Es warf jedenfalls kein gutes Licht auf die Delegierten dieser Konferenz, als es Tausende während der noch laufenden Eröffnungszeremonie zum Ausgang zog, nachdem die prominenten Redner ihre Begrüßungsworte entrichtet hatten. Der thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra und Uno-Generalsekretär Kofi Annan eilten zum Buffet und die Masse des Auditoriums in die bereitgestellten Shuttle-Busse. Der Glamour war verflogen, man konnte gehen. Die Vorführungen der ostafrikanischen AIDS-Waisen und die Rede des HIV-infizierten Thailänders Paisan Suwannawong bekamen nur noch wenige mit - nicht gerade ein Beispiel für einen sensiblen Umgang mit den Mitmenschen.

Zum diesjährigen Konferenz-Motto "Access for all": Es scheint nicht immer nur am Geld zu liegen. Vor allem in Afrika wächst die Erkenntnis, dass vielerorts zwar inzwischen durch den Global Fund und andere Initiativen ausreichend finanzielle Mittel vorhanden sein werden, aber schlicht die Infrastruktur, nämlich Ärzte und Schwestern, zum Verteilen der Medikamente fehlen. Hier liegt wahrscheinlich, man ahnt es bereits, die größte Hürde auf dem Weg zum von der WHO ausgegebenen Ziel, bis Ende 2005 drei Millionen Menschen mit einer ART zu versorgen. Auch die Produktion von Generika, so lobenswert sie auch sein mag, ist nicht ohne Risiken. Feste antiretrovirale Kombinationen wie zum Beispiel Triomune oder GPO-vir (beides die fixierte Kombination aus D4T, 3TC und Nevirapin) einfach wie Grundnahrungsmittel zu verteilen, wird zumindest auf Dauer nicht die Lösung sein. Die Warnungen vor der unkontrollierten Schablonen-ART wurden wieder lauter. "Access for all" ist nicht das letzte Kapitel der Geschichte: schon machten Berichte über zunehmende virale Resistenzen in den Ländern wie Thailand, Haiti oder Südafrika die Runde. Viele Poster dieser Konferenz zeigten überdies: Auch in den Entwicklungsländern beginnt man nun Bekanntschaft mit der Schattenseite der antiretroviralen Therapie zu machen. GPO-vir, Triomune und die anderen Generika werden viele Leben retten, aber auch für viel Polyneuropathie und Lipodystrophie sorgen. So einfach, wie sich mancher Redner und vor allem die Medien die Lage vorstellen, ist die Sache nicht. Zugang für alle ist ein erster Schritt und im Moment auch das Wichtigste, aber damit ist es leider nicht getan.

Was kam eigentlich aus Deutschland? Zunächst einmal nichts. Jedenfalls nicht in der Person von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die sich eigentlich für ein Symposium angekündigt und dann noch ganz schnell abgesagt hatte. Das fiel allerdings auch nicht weiter auf, denn die Deutschen spielen bei AIDS-Konferenzen traditionell und natürlich vollkommen zu Recht keine Rolle. Symbolisch für den deutschen Beitrag war der Messestand der Bundesrepublik Deutschland, in dem eine bunte Broschüre zum "The Fight Against AIDS in Germany" auslag. Diese stammte, wie der Leser feststellen musste, aus dem Jahr 1999. Im Vorwort des Heftes gab es ein Wiedersehen mit der fast vergessenen Andrea Fischer. Immerhin hatte man noch ein neues Blatt eingelegt: "Today we are able to affirm that the fight against AIDS in Germany has been one of the most exemplary in the annals of medical history", ließ hier Ulla Schmidt die staunende Menschheit wissen. Gut, dass das vermutlich niemand auf dieser Konferenz gesehen hat! Wir sind jedenfalls schon jetzt gespannt, ob wir die Broschüre in Toronto 2006 wiederfinden werden, mit neuem Vorwort einer neuen Gesundheitsministerin...

Und medizinisch? Man hatte den Eindruck, dass bei den Welt-AIDS-Konferenzen die Wissenschaft inzwischen immer mehr an den Rand gedrängt wird. Viele AIDS-Forscher waren der Konferenz von vornherein ferngeblieben, zahlreiche wichtige medizinische Beiträge blieben als Poster weitgehend unbeachtet. Es war überhaupt auffällig, wie leer die Halle mit der Poster-Ausstellung all die Tage über blieb. Offensichtlich interessierten sich die meisten der fast 20.000 Teilnehmer für andere Dinge. Community und soziokulturelle Fragen scheinen inzwischen jedenfalls weitaus wichtiger zu sein als der medizinische Fortschritt. Ob dies eine günstige Entwicklung für die Zukunft dieser Konferenz ist?

Aber auch in Bangkok gab es natürlich einige medizinische Highlights. Mehr dazu in den nächsten Wochen an dieser Stelle...


 
 
     
 

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