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Integrase-Inhibitoren
Allgemeines
Die Entwicklung der Integrasehemmer verlief lange schleppend. Es fehlte an geeigneten
Untersuchungsmethoden, den Integrase-hemmenden Effekt potentieller Substanzen zu testen, einige
Substanzen waren zudem zu toxisch. Erst etwa ab 2000 begann die Entwicklung an Fahrt aufzunehmen.
Damals wurde das Prinzip der Strangtransfer-Inhibition aufgedeckt (Hazuda 2000). Seit 2005 geht es
nun auch in klinischen Studien rasant voran, und spätestens nach den ersten Daten zu
Raltegravir (MK-0518, siehe unten) sind die Integrasehemmer die wohl mit den meisten Hoffnungen
besetzte neue Substanzgruppe in der HIV-Therapie. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sie die
antiretrovirale Therapie verändern werden. Die Integrase ist neben der Reversen Transkriptase und der Protease eines der
drei Schlüsselenzyme im HIV-1-Replikationszyklus. Dieses aus 288 Aminosäuren bestehende
und vom HIV-pol-Gen kodierte Enzym ist bei der Integration viraler DNA in die Wirts-DNA im
Zellkern involviert und für die Vermehrung von HIV essentiell (Nair 2002). Dieser Umstand macht
es zu einem interessanten Ansatzpunkt antiviraler Medikamente. Ein weiterer, zumindest theoretischer
Vorteil: in menschlichen Zellen gibt es wahrscheinlich keine Integrase. Die Integration viraler DNA verläuft über mindestens vier Schritte, die
theoretisch alle durch verschiedene Integrasehemmer inhibiert werden können und hier nur grob
vereinfacht dargestellt werden. Analog zu den Entry-Inhibitoren wird man in der Zukunft aber
möglicherweise unterschiedliche Wirkstoffgruppen unterscheiden (Reviews: Pommier 2005,
Lataillade 2006). Die Schritte sind wie folgt: Wie bei allen neuen Wirkstoffklassen sind auch bei den Integrase-Inhibitoren derzeit noch viele Fragen offen. Zwar ist die Verträglichkeit über einige Wochen gut zu sein, über Langzeittoxizitäten ist jedoch nichts bekannt. Das gilt auch für die Resistenzentwicklung, eine klassenübergreifende Kreuzresistenz durch einzelne Resistenzmutationen scheint nach ersten Labordaten möglich. Im Folgenden soll kurz auf einige Substanzen näher eingegangen werden. Einzelsubstanzen Raltegravir (MK-0518) ist ein Integrasehemmer (genauer: Strangtransfer-Inhibitor, STI) der Firma MSD und momentan die wohl spannendste neue Substanz in der HIV-Therapie überhaupt. Raltegravir ist ein Naphtyridincarboxamid mit einer breiten Wirkung gegen R5- und X4-trope Viren. Sogar HIV-2 wird supprimiert. Unter Monotherapie sank die Viruslast nach 10 Tagen um 1,7-2,2 Logstufen (Markowitz 2006). Die Daten einer Phase-II-Studie sind noch beeindruckender (Grinsztejn 2006): 116 Patienten mit langer Vortherapie (im Median 10 Jahre, ca. 30 % waren ohne eine andere aktive Substanz im Resistenztest) erhielten zweimal täglich 200-600 mg Raltegravir oder Plazebo. Nach 8 Wochen hatten 63-67 % gegenüber 8 % im Plazeboarm eine Viruslast unter 50 Kopien/ml - für derart intensiv vortherapierte Patienten ein außergewöhnliches Ergebnis. Bestätigt wurde es durch BENCHMRK-1 und -2, zwei große Phase III-Studien, in denen 699 Patienten mit Dreiklassen-Resistenz entweder 2 x 400 mg Raltegravir täglich oder Plazebo zu einer optimierten Therapie erhielten (Cooper 2007, Steigbigl 2007). Nach 16 Wochen hatten 79 % (versus 43 %) eine Viruslast unter 400 Kopien/ml erreicht. Selbst unter jenen Patienten, in denen nach dem genotypischem Resistenztest zu Beginn keine einzige aktive Substanz mehr benutzt werden konnte, lag die Rate bei epochalen 57 % (versus 10 %). Die Verträglichkeit war in diesen Studien zudem sehr gut und mit dem Plazeboarm vergleichbar. Ebenfalls ermutigend waren die Resultate einer doppelblind randomisierten Phase-II-Studie an 197 therapienaiven Patienten. Diese erhielten bei einem Backbone aus TDF+FTC entweder Efavirenz oder verschiedene Dosen Raltegravir (Markowitz 2006). Der Anteil der Patienten unter 50 Kopien/ml stieg in den Raltegravir-Armen schneller als unter Efavirenz und war nach 24 Wochen in allen Armen mindestens genauso hoch. Die Verträglichkeit von Raltegravir war auch hier sehr gut, ZNS-Störungen oder Dyslipidämien wurden weniger beobachtet als unter Efavirenz (Teppler 2006).Die Daten zur Resistenzentwicklung sind noch limitiert, es scheint aber wenigstens zwei genetische Resistenzpfade zu geben, entweder über die Mutation N155H oder über Q148K/R/H, die im katalytischen Kern der Integrase lokalisiert sind (Cooper 2007). Die Plasmaspiegel werden durch Atazanavir deutlich erhöht (Mistry 2006), dagegen durch Tipranavir reduziert - eine Kombination scheint ungünstig. Sehnlichst erwartet wird das Expanded Access-Programm, das für Anfang 2007 angekündigt ist. Für viele Patienten mit multiresistenten Viren ist Raltegravir eine Hoffnung, die HIV-Infektion wieder kontrollieren zu können. Elvitegravir (GS-9137, früher JTK-303) ist ein Integrasehemmer von Gilead, der biochemisch den Chinolon-Antibiotika ähnelt (Sato 2006). Wie Raltegravir hemmt auch Elvitegravir den Strangtransfer. Einzeldosen waren oral bioverfügbar, sicher und gut verträglich (Kawaguchi 2006), und in vitro besteht ein Synergismus mit anderen Medikamenten (Matsuzaki 2006). In einer Studie an 40 HIV-Patienten (therapienaiv und vorbehandelt) sank die Viruslast nach 10 Tagen Monotherapie um etwa 2 Logstufen (DeJesus 2006). Wesentlicher Nachteil scheint zu sein, dass Elvitegravir mit 100 mg Ritonavir geboostert werden muss (Kearney 2006), doch ist dafür dann wohl die tägliche Einmalgabe möglich. Die vorläufigen Daten einer Phase-II-Studie, in der 278 Patienten entweder drei geboosterte Dosen (20, 50 und 125 mg) Elvitegravir oder einen neuen geboosterten PI erhielten, zeigten ein gutes Ansprechen (Zolopa 2007). Zwar musste der 20 mg-Arm wegen hoher Versagensrate abgebrochen werden, dafür erreichten in den höher dosierten Armen mehr Patienten nach 16 Wochen eine Viruslast unter 50 Kopien/ml (ca. 40 versus 30 %). Vor vorschnellen Vergleichen mit den Raltegravir-Daten sei gewarnt, da diese Studie anders konzipiert war - es wurde gegen einen aktiven PI und nicht gegen Plazebo verglichen. Die Verträglichkeit war wie bei Raltegravir sehr gut. Auch bei Elvitegravir lassen sich durch in-vitro Passagen Resistenzmutationen selektionieren, und es scheint ebenfalls mindestens zwei Resistenzpfade über T66I oder E92Q zu geben (Jones 2007). Vor allem E92Q scheint für eine hohe Resistenz (36-fach) zu sorgen. Teilweise überlappen sich die Resistenzen von Elvitegravir und Raltegravir, klassenübergreifende Kreuzresistenzen könnten also möglich sein (Kodama 2006, Jones 2007). Klinische Daten werden diese Befürchtungen hoffentlich widerlegen. GSK-364735 ist ein Integrasehemmer von GSK, der zusammen mit der Firma Shionogi entwickelt wird. Nach dem Ende Brecanavirs ist die GSK-Pipeline relativ leer geworden, so dass man sich vermutlich verstärkt dieser Substanz widmen wird. In einer Phase-I-Studie an 79 gesunden Probanden wurden zwischen 50 und 400 mg täglich gut vertragen (Reddy 2007), Phase-II-Studien sind im Gange. Literatur zu Integrase-Inhibitoren
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