Home Casteddu Amedeo Prize Flying Publisher
 
 
ART

Klinik

Medikamente

Erweiterte Suche


 

zur Übersicht

Primäre ZNS Lymphome

von Christian Hoffmann

Primäre ZNS-Lymphome (PZNSL) sind eine späte Komplikation der HIV-Infektion und traten früher bei bis zu 10 % der AIDS-Patienten auf. Große Autopsieserien in den 90er-Jahren fanden zum Teil noch höhere Prävalenzen. Verglichen mit systemischen Lymphomen scheint die Inzidenz der PZNSL in den letzten Jahren ganz erheblich zurückzugehen.

PZNSL sind in fast 100 % der Fälle EBV-assoziiert (Camilleri-Broet 1997). Histologisch handelt es sich fast immer um diffus-großzellige Non-Hodgkin-Lymphome. Die CD4-Zellen der Patienten liegen bei Diagnosestellung fast immer unter 50/μl. In der prδ-HAART-Ära hatte das PZNSL unter den AIDS-definierenden Erkrankung die schlechteste Prognose. mit einer medianen Überlebenszeit von unter drei Monaten (Fine 1993). In den letzten Jahren hat sich dieses düstere, oft von therapeutischem Nihilismus geprägte Bild allerdings deutlich gewandelt. Im HAART-Zeitalter sind Überlebenszeiten von mehreren Jahren und sogar Heilungen möglich geworden (Hoffmann 2001).

Klinik

Je nach Lokalisation bestehen unterschiedlichste neurologische Störungen. Epileptische Anfälle können die Erstmanifestation sein. Persönlichkeitsveränderungen, Vigilanzstörungen, Kopfschmerzen und fokale Defizite wie Paresen sind ebenfalls häufig. Fieber fehlt dagegen meistens. Da die Patienten fast immer stark immunsupprimiert sind, können allerdings konstitutionelle Symptome mitunter den Blick auf das eigentliche Problem versperren.

Diagnostik

Ein cranielles CT oder (besser) MRT sollte zügig gemacht werden. Die wichtigste Differentialdiagnose ist die zerebrale Toxoplasmose. Eine solitäre Raumforderung spricht eher für ein PZNSL. Allerdings kommen oft auch 2-4 Läsionen vor, die meist relativ groß sind (über 2 cm im Durchmesser). Mehr als vier Läsionen eines PZNSL sind selten.

Neben einer aktuellen Toxoplasmose-Serologie, die, sofern sie negativ ist, eine Toxoplasmose sehr unwahrscheinlich macht, sollte unbedingt auch eine aktuelle CD4-Zahl vorliegen. Je besser der Immunstatus, um so unwahrscheinlicher wird das PZNSL. In unserer eigenen Kohorte hatten weniger als 20 % der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose mehr als 50 CD4-Zellen/μl. Oberhalb von 100 CD4-Zellen/μl wird allerdings auch eine zerebrale Toxoplasmose unwahrscheinlich.

Neben der körperlichen Untersuchung sollte mit einem diagnostischen Mindestprogramm (Röntgen-Thorax und Abdomen-Sonographie) geklärt werden, ob es sich um einen sekundären ZNS-Befall eines systemischen Lymphoms handelt. Dazu sollte immer auch eine Funduskopie zum Ausschluss einer okulären Beteiligung (bis zu 20 %) gehören.

Neben der zerebralen Toxoplasmose kommen differentialdiagnostisch u.a. Abszesse, Glioblastome und zerebrale Metastasen solider Tumoren in Betracht. Bei fehlendem Hirndruck ist eine Liquorpunktion sinnvoll. Sofern schon Steroide gegeben wurden, sinkt die Wahrscheinlichkeit allerdings deutlich, dass maligne Zellen nachgewiesen werden. Mit der von einigen Arbeitsgruppen propagierten EBV-PCR im Liquor haben wir bislang keine guten Erfahrungen gemacht.

In den meisten Fällen ist zunächst eine probatorische Toxoplasmose-Therapie gerechtfertigt. Schlägt diese fehl, spricht dies für ein PZNSL. In solchen Fällen kann auf eine stereotaktische Hirnbiopsie zur Sicherung der Diagnose nicht verzichtet werden.

Therapie

Die Schädelbestrahlung war viele Jahre die einzige Option für Patienten mit PZNSL, unabhängig vom HIV-Status. Bei HIV-negativen Patienten werden mit der Kombination aus Strahlentherapie und Steroiden gewöhnlich Remissionen von 12-18 Monaten Dauer erzielt. Bei HIV-Patienten der prä-HAART-Ära wurde das Überleben durch die Radiatio lediglich von 0.9 auf 3.0 Monate verlängert (Fine 1993). Überlebenszeiten von mehr als einem Jahr waren Raritäten.

Bei HIV-negativen Patienten wurde in den letzten Jahren die Prognose durch die Kombination von Methotrexat-basierten (MTX) Chemotherapien und Bestrahlung verbessert. Kleinere Studien wiesen darauf hin, dass die alleinige Hochdosis-MTX-Therapie durchaus wirksam sein kann und einen Aufschub der Radiatio bis zum Rezidiv ermöglicht (De Angelis 2001). Ob sich diese Ergebnisse auf HIV-Patienten übertragen lassen, ist unklar. Zudem ist die Inzidenz des PZNSL inzwischen zu stark rückläufig, als dass auf diesem Feld überzeugende Daten in nächster Zeit zu erwarten wären. Eine eindeutige Therapieempfehlung kann daher zur Zeit nicht gegeben werden.

Bei HIV-Patienten wird von vielen Behandlern weiterhin die alleinige Schädelbestrahlung (fraktioniert, 40 Gy Gesamtdosis) favorisiert. Nach unserer Erfahrung ist jedoch ein Therapieversuch mit MTX intravenös (3 g/m2 alle 14 Tage mit Leucovorin rescue) gerechtfertigt - auch um mögliche neurologische Strahlenschäden zu vermeiden. Eine kleine Studie an HIV-Patienten hat bereits gezeigt, dass dieser Ansatz praktikabel ist (Jacomet 1997).

Entscheidend ist letztlich jedoch in allen Fällen - und unabhängig von der spezifischen Therapie - eine möglichst maximale Immunrekonstitution. Unter HAART sind Überlebenszeiten von mehreren Jahren realistisch geworden. Sogar Vollremissionen unter alleiniger HAART wurden beschrieben (McGowan 1998, Corales 2000). In unserer eigenen Kohorte von 29 Patienten mit histologisch gesichertem PZNSL lebten alle vier Patienten, die einen CD4-Zellanstieg hatten, länger als 18 Monate. Drei von vier Patienten erreichten eine komplette Remission. Ein Patient lebt inzwischen über sechs Jahre ohne Anhalt für ein Rezidiv (Hoffmann 2001). In der multivariaten Analyse erwies sich neben der Schädel-Radiatio die Gabe von HAART als einziger Faktor, der mit längerem Überleben assoziiert war. Zwei der Patienten starben allerdings nach etwa drei Jahren an einem progressiven, neurologischen Syndrom, das wahrscheinlich in beiden Fällen auf die Spätfolgen der Radiatio zurückzuführen war. Angesichts der besseren Prognose der Patienten ist daher die Strahlen-Toxizität aus unserer Sicht mehr in Betracht zu ziehen als früher. In zwei weiteren Studien aus Frankreich bzw. den USA wurden inzwischen ebenfalls Überlebenszeiten von mehreren Jahren beschrieben (Rigolet 2001, Skiest 2003).

Alle Patienten mit PZNSL sollten intensiv mit HAART behandelt werden, um die maximal mögliche Immunrekonstitution zu erzielen. Bei nur noch bedingt möglicher Immunrekonstitution sollten evtl. zusätzlich immunmodulierende oder anti-EBV-Therapien evaluiert werden - die teilweise sehr positiven Berichte zu Therapien mit Ganciclovir und Interleukin-2 (Raez 1999, Aboulafia 2002) oder Hydroxyurea (Slobod 2000) müssen jedoch mit Vorsicht beurteilt werden. "Zwischen den Zeilen" dieser Publikationen, in denen entweder Einzelfälle oder kaum mehr als 2-4 Patienten beschrieben wurden, war fast immer HAART im Spiel.

Bei Hirndruck ist in allen Fällen die rasche adjuvante Gabe von Steroiden (zum Beispiel Fortecortin® 3 x 8 mg/die, nach Rückbildung des Ödems rasch ausschleichen) indiziert, auch wenn die Diagnostik dadurch erschwert wird.

Literatur

  1. Aboulafia DM. Interleukin-2, ganciclovir, and high-dose zidovudine for the treatment of AIDS-associated primary central nervous system lymphoma. Clin Infect Dis 2002; 34: 1660-2.
  2. Camilleri-Broet S, Davi F, Feuillard J, et al. AIDS-related primary brain lymphomas: histopathologic and immunohistochemical study of 51 cases. Hum Pathol 1997, 28:367-74. http://amedeo.com/lit.php?id=9042803
  3. Corales R, Taege A, Rehm S, Schmitt S. Regression of AIDS-related CNS Lymphoma with HAART. XIII International AIDS-Conference, Durban, South Africa, 2000, Abstract MoPpB1086.
  4. DeAngelis LM. Primary central nervous system lymphomas. Curr Treat Options Oncol. 2001, 2:309-18. http://amedeo.com/lit.php?id=12057111
  5. Fine HA, Mayer RJ. Primary central nervous lymphoma. Ann Intern Med 1993, 119:1093-1104. http://amedeo.com/lit.php?id=8239229
  6. Hoffmann C, Tabrizian S, Wolf E et al. Survival of AIDS patients with primary central nervous system lymphoma is dramatically improved by HAART-induced immune recovery. AIDS 2001, 15:2119-2127. http://amedeo.com/lit.php?id=11684931
  7. Jacomet C, Girard PM, Lebrette MG, Farese VL, Monfort L, Rozenbaum W. Intravenous methotrexate for primary central nervous system non-Hodgkin's lymphoma in AIDS. AIDS 1997,11:1725-30. http://amedeo.com/lit.php?id=9386807
  8. Levine AM. AIDS-related lymphoma: clinical aspects. Semin Oncol 2000, 27:442-53. http://amedeo.com/lit.php?id=10950371
  9. McGowan JP, Shah S. Long-term remission of AIDS-related PCNSL associated with HAART. AIDS 1998, 952-954.
  10. Raez L, Cabral L, Cai JP, et al. Treatment of AIDS-related primary central nervous system lymphoma with zidovudine, ganciclovir, and interleukin 2. AIDS Res Hum Retroviruses 1999, 15:713-9. http://amedeo.com/lit.php?id=10357467
  11. Rigolet A, Bossi P, Caumes E, et al. Epidemiological features and incidence trends of primary cerebral lymphomas observed in 80 HIV-infected patients from 1983 to 1999. Pathol Biol (Paris) 2001, 49:572-5. http://amedeo.com/lit.php?id=11642021
  12. Skiest DJ, Crosby C. Survival is prolonged by highly active antiretroviral therapy in AIDS atients with primary central nervous system lymphoma. AIDS 2003;17:1787-93.
  13. Slobod KS, Taylor GH, Sandlund JT, Furth P, Helton KJ, Sixbey JW. Epstein-Barr virus-targeted therapy for AIDS-related primary lymphoma of the central nervous system. Lancet 2000, 356:1493-94.


 

 
     
 

Design:

 
 
 

  Wichtiger Hinweis für die Leser