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zur Einleitung

Die Epidemie

von Bernd Sebastian Kamps

Der Beginn

Die ersten Berichte über eine ungewöhnliche Häufung seltener und tödlich verlaufender Erkrankungen bei zuvor gesunden homosexuellen Männern erscheinen im Jahre 1981 (Centers for Disease Control [CDC] 1981a, 1981b, 1981c). Innerhalb weniger Monate wird als Ursache eine erworbene Immunschwäche erkannt. 1983 isolieren französische Forscher ein Virus als ätiologisches Agens für das Acquired Immunodeficiency Syndrome (AIDS), und kurz darauf wird die kausale Beziehung zwischen dem neuen Virus und AIDS aufgedeckt (Barré-Sinoussi 1983, Broder 1984, Gallo 1984). Weitere zwei Jahre später, im Jahre 1985, ist der erste ELISA-Test zum Nachweis von HIV-Antikörpern erhältlich (CDC 1985a).

Was aus der Distanz von mehr als 20 Jahren imponiert, ist die atemberaubende Schnelligkeit, mit der eine bis dahin unbekannten Erkrankung erforscht wurde. Zwischen der Veröffentlichung der ersten Krankheitsfälle und der Definition des neuen Syndroms vergehen keine zwölf Monate.

Einmal aufgetreten, markieren die so genannten AIDS-definierenden Erkrankungen, die das letzte Stadium der HIV-Infektion signalisieren, bis Mitte der 90er Jahre meist den Beginn eines langen Leidensweges. Zwar können die meisten Komplikationen von AIDS mit Medikamenten beherrscht werden, doch ist es meist nur eine Frage der Zeit bis zum Auftreten der nächsten Erkrankung, und in der Regel vergehen wenige Jahre bis zum Tod. Sicher, angenehme tödliche Erkrankungen gibt es nicht, aber AIDS ist potenziertes Leiden, das damals fast ausschließlich junge Männer im besten Mannesalter trifft. Hölle auf Erden.

Die Zielstrebigkeit, mit der die amerikanischen Epidemiologen die neue Krankheit erforschen, fasziniert noch heute (CDC 1982a, 1982d, 1982e). Anfang 1982 sind 150 Fälle bekannt. Schon früh wird deutlich, dass von der Immunschwäche außer homosexuellen Männern vorwiegend Drogenabhängige (CDC 1982j), Empfänger von Blut (CDC 1982g) und Blutprodukten (CDC 1982e) sowie Kleinkinder von Müttern mit AIDS (Cowan 1984) betroffen sind. Diese Verteilung führt schon 1982 zu der Vermutung, dass der Auslöser der neuen Krankheit ein sexuell und parenteral übertragbarer infektiöser Erreger sein muss.

Die Panik

In Europa wird AIDS von der Öffentlichkeit erst mit einigen Jahren Verspätung wahrgenommen. Die ersten Antikörpertests sorgen dann aber schnell für Überraschungen. Erstens: Viele Menschen aus den so genannten Risikogruppen sind zwar kerngesund, haben weder AIDS noch ein Lymphadenopathie-Syndrom (CDC 1982a), doch sie haben HIV-Antikörper, und niemand weiß, was das bedeutet. Zumindest scheint die Zeitspanne zwischen Infektion und dem Auftreten AIDS-definierender Komplikationen deutlich länger zu sein als ursprünglich angenommen. Eine Viruserkrankung mit einer jahrelangen Inkubationszeit, in der die Infektion weiter verbreitet werden kann (Pitchenik 1983)? Was bedeutet das für die Epidemie? Sitzt man auf einem Pulverfass? Sind möglicherweise schon jetzt Millionen Menschen infiziert und wissen es nur noch nicht?

Die zweite Überraschung: HIV wird offenbar heterosexuell übertragen und häufiger als man dachte. Zwar sind schon seit 1982 einzelne heterosexuelle HIV-Übertragungen beschrieben (CDC 1982i, Harris 1983), doch AIDS gilt zunächst als Erkrankung von Randgruppen. Der "Normalbürger" wiegt sich in Sicherheit, fühlt sich nicht betroffen. Das ändert sich nun. Plötzlich wird bericht, dass AIDS in Kinshasa bei Männern wie Frauen gleichermaßen und - bedrohlicher noch - unabhängig von Drogenmissbrauch, Bluttransfusionen und Homosexualität auftritt (Piot 1984). 1985 geht es dann Schlag auf Schlag. Einzelfälle von heterosexueller Übertragung werden bis zurück ins Jahr 1980 verfolgt (Vogt 1985). Aus Hämophilen-Kollektiven wird berichtet, dass bis zu 10 % der weiblichen Partner infiziert sind (Kreiss 1985, Kamradt 1990), und eine JAMA-Studie berichtet am 15. März schließlich von einer 70 %igen Übertragungsrate mit dem Titel "Häufige Übertragung auf Ehefrauen" (Redfield 1985).

Damit war der Damm gebrochen. Wenn die heterosexuelle Übertragung von HIV so einfach war, wo sollte das enden? In Europa waren zu Silvester 1984 762 AIDS-Fälle gemeldet, 417 davon aus dem laufenden Jahr! Die Epidemie nahm offenbar die gleiche Entwicklung wie in den USA - und dort waren im April 1985 die ersten 10.000 AIDS-Fälle gemeldet worden (CDC 1985c). Die Seuche stand also vor der Tür, und dementsprechend wurde AIDS zum Politikum, eroberte die Kanzeln und Stammtische. AIDS war in aller Munde - kein guter Ort für diese Art Probleme.

So schnell die falschen Schlussfolgerungen Mitte der 80er für Aufregung und Angst sorgten, so schnell war der Spuk glücklicherweise auch wieder vorbei. Die jährliche Verdopplung der "AIDS-Fallzahlen", die zu wahnwitzigen Hochrechnungen und Schreckensszenarien führte, hat es in Deutschland nur von 1984 bis 1987 gegeben - danach stieg die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen deutlich moderater und stabilisierte sich bis 1993 auf etwa 2.000. Die große Seuche hat bisher also nicht stattgefunden, selbst wenn die Zahl der Neuerkrankungen in den letzten Jahren leicht zugenommen hat.

Doch zurück zu den Übertragungswegen, denn ohne Übertragung keine Epidemie. Was wissen wir über die Wege, auf denen HIV von einem Menschen auf den anderen übertragen wird?

Weiter: 1.3 Übertragungswege



 

 
     
 

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